www.aec.at  
Ars Electronica 2005
Festival-Website 2005
Back to:
Festival 1979-2007
 

 

Die hybridisierte Realität


'Ollivier Dyens Ollivier Dyens

Wir stehen vor einer tief greifenden Revolution der conditio humana. Nationalstaaten, sexuelle Identitäten, Grenzlinien des Lebenden, des Bewussten, des Intelligenten, die Einzigartigkeit der Spezies, Unterteilungen zwischen den Universen des Mikrokosmos und des Makrokosmos, geografische Grenzen, Abstände zwischen Individuen und Kollektiven, Definitionen der Wirtschaftssysteme und Trennungen zwischen den Zeiteinheiten – keine politische, kulturelle und wissenschaftliche Definition, Erkenntnis, Struktur bleibt von dieser Revolution verschont. Wir leben heute in einer neuen, fremdartigen Welt aus Überlagerungen und Verflechtungen, einer Welt der Hybride und Hybriditäten, des Kontinuierlichen und Diskontinuierlichen, der Brüche und der Universalität, einer Welt, in der weder die Materie, noch das Reale eine Grundlage haben. Wohin führt diese Revolution? Was hält sie in Gang? Warum haben wir solche Schwierigkeiten, uns dieser Situation anzupassen?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man verstehen, dass sich die ontologischen Grundlagen der heutigen Welt von jenen der Vergangenheit fundamental unterscheiden.

Bis vor kurzem lebte der moderne Mensch, der homo sapiens sapiens, dieses Tier, das zweimal denkt, vor allem in der biologischen Realität. Was ist die biologische Realität? Sie ist die Wahrnehmung und das Verständnis des Universums mit den Sinnen gemäß der artspezifischen Biologie. Für die biologische Realität gibt es nicht nur eine Realität, sondern vielmehr unzählige Wahrnehmungen derselben, die jeweils von unterschiedlichen Biologien abhängen. Jede Art unterscheidet und versteht daher nur einen winzigen Ausschnitt des unermesslichen Spektrums des Realen. Der Mensch sieht beispielsweise nur einen Teil des existierenden Lichts. Sein Gehör und sein Geruchssinn sind beschränkt. Seine Augen sind die eines Raubtiers, sie befinden sich an der Vorderseite (und nicht an den Seiten) des Schädels und können die kleinsten Bewegungen wahrnehmen. Dies gilt für alle Arten, die von der Realität nur den Ausschnitt wahrnehmen, der ihren Sinnesorganen zugänglich ist.

Die biologische Realität hat natürlich großen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung des Menschen, weil sich darauf unsere Metaphysik gründet. Wir domestizieren die Geburt, das Leben, den Tod, das Leid mittels unserer biologischen Realität (wir können intuitiv erkennen, was lebt, was stirbt oder gestorben ist, was geboren wird). Die biologische Realität ermöglicht Überleben, Fortpflanzung und Entwicklung. Sie ist der Mechanismus, durch den sich das Leben auf der Erde entfaltet. Die biologische Realität ist aber nicht die absolute Wirklichkeit, sie versucht nicht, den Mechanismus, der alle Dinge, alle Phänomene trägt, zu sehen oder zu verstehen. Die biologische Realität ist nur eine evolutionäre Strategie der Arten. Die biologische Realität „weiß“ nicht, warum wir sterben und geboren werden, kann aber die Grenzen des Lebens, die Tentakeln des Todes, die Grenzen dessen, was als bewusst, intelligent, lebend betrachtet werden kann, erkennen. Und durch die Anerkennung dieser Grenzen umschreibt der Mensch die conditio humana.
Der homo sapiens sapiens wird jedoch nicht allein mit der biologischen Realität geboren. Seit den ersten Werkzeugen ist er auch in die Welt der so genannten technologischen Realität geworfen. Was ist die technologische Realität? Die Wahrnehmung der Welt mittels menschlicher und nicht menschlicher Sinne (maschineller, aber auch wissenschaftlicher „Sinne“). Über die technologische Realität haben wir Zugang zu unzähligen Realitätsebenen, die bis dahin unsichtbar waren: zu jenen des Mikro- und des Makrokosmos, jenen der Genetik und der Neurologie, der Protonen und Photonen, der Relativität und Quantenmechanik. Zwar war der Einfluss dieser Realitätserweiterung bis zum letzten Jahrhundert ebenso bedeutsam wie heute (man denke an Newton, Galilei, Pasteur), doch war sie etwas Exklusives: tief greifende paradigmatische Veränderungen waren isolierte Phänomene.

Seit etwas mehr als einem Jahrhundert hat sich jedoch alles verändert. Die paradigmatischen Veränderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind, sind nicht nur von großer Bedeutung, sondern auch zahlreich. Darüber hinaus beschleunigt sich das Tempo ihres Auftretens (es gibt immer mehr Maschinen, Rechner, wissenschaftliche Forschungen, Laboratorien, Messinstrumente etc. und andere Werkzeuge der technologischen Realität). Von der Erforschung des Weltraums bis zur Nanotechnologie leben wir heute in einer Realität, deren Geltungsbereich ständig erschüttert, vervielfacht, in Frage gestellt wird. Die Geheimnisse der Schöpfung, der Entstehung des Bewusstseins, des Unendlichen, die Grenzen des Lebens, des Todes, der Geburt werden unablässig reinterpretiert, korrigiert, transzendiert. Der Mensch und seine Welt sind keine stabilen und definierten Größen mehr. Wir leben heute in einer transparenten Welt, deren Definitionen brüchig und verschwommen sind; in einer Welt des Möglichen und nicht des Wirklichen.

Eigentlich leben wir auch nicht mehr in der technologischen Realität, denn daraus würde folgen, dass nach wie vor eine Trennung zwischen dem Menschen, den Arten, den Kräften, Technologien und Kulturen besteht und dass die Materie, sei sie organisch oder metallisch, analog oder digital, chemisch oder binär, eindeutig unterschieden wird. Wir leben heute jenseits der technologischen Realität. Neuere Studien über das Verhalten der Insekten haben es bewiesen, Forschungen über Bakterien (und ihr Kommunikationssystem) haben es bestätigt, Studien über das menschliche Verhalten, das oft so prognostizierbar ist wie Informatikprogramme, haben es bekräftigt, die Wissenschaft des künstlichen Lebens, die die Grundlagen und Komplexifizierungen des Lebenden darstellt und reproduziert, hat es auf spektakuläre Weise aufgezeigt: Es ist heute unmöglich, Lebendiges von Nicht-Lebendigem, Organisches von Anorganischem, die Maschine vom Menschen, das organische und anorganische Kollektiv vom Individuum (und/oder Objekt) zu unterscheiden. Wir sind ein Ganzes, ob es uns gefällt oder nicht. Mensch, Maschine, biologische oder künstliche Netzwerke, sie alle sind Teil des kosmischen Gewebes. Pierre Lévys „kollektive Intelligenz“, Derrick de Kerckhoves „verknüpfte Intelligenz“, das „globale Hirn“ eines Howard Bloom und Steven Johnson, Donna Haraways Manifest für Cyborgs und sogar die unzähligen Utopien der Sciencefiction (Matrix, Robocop, Terminator etc.) spiegeln tatsächlich nicht nur die häufig zitierte Verflechtung von Mensch und Maschine, sondern auch die tief greifende Veränderung der Realitätswahrnehmung.

Natürlich haben die Menschen die Welt schon immer als Konglomerat von Realitäten wahrgenommen, die über das sinnlich Wahrnehmbare hinausgehen (man denke nur an das Übernatürliche). Doch unterscheiden sich diese alten Parallelrealitäten (wie das Übernatürliche, das Mythische oder das Religiöse) von der technologischen Realität in zwei wesentlichen Dingen: 1) Diese Realitäten blieben, auch wenn sie die Existenz anderer Dimensionen andeuteten, immer in Berührung mit der menschlichen Realität und existierten im Wesentlichen, um auf diese einzuwirken. 2) Als Früchte der menschlichen Imagination hatten sie die Aufgabe, das Unsichtbare sichtbar zu machen und das Unbegreifliche zu rationalisieren. Diese mit der Erweiterung der Intelligenz untrennbar verbundenen Realitätsebenen waren eigentlich eher eine Verlängerung der biologischen Realität in das Unsagbare als eine wirkliche Präsenz anderer Realitäten.

Heute ist das anders. Die technologische Realität ist so allumfassend, dass sie sich ihrerseits in die biologische Realität hinein erstreckt und letzterer eine illusionäre Rolle zuweist. Wir glauben so sehr an die technologische Realität, dass wir uns an ihr orientieren, nicht nur um die physische Dimension der Existenz (den Körper, die Materie, die Krankheit) zu erklären, sondern auch die Metaphysik (das Leben, den Tod, die Geburt, das Unendliche). Heute erscheint uns die biologische Realität als illusionär, blindem Glauben unterworfen. Sie ist es, mit der wir uns etwas vormachen, uns Illusionen hingeben. Selbst unser Körper erscheint uns irreal, als Simulacrum, das die Wahrheit verdeckt. Tatsächlich denken wir heute, dass der Körper nicht diese Fleischmasse ist, die wir sehen, berühren, fühlen, streicheln, sondern ein chemisches, mechanisches, elektrisches Gleichgewicht, zu dem nur die technologische Realität Zugang hat. Wenn wir an die Realität des Körpers glauben, dann in diesen der biologischen Realität unzugänglichen Dimensionen (Zellen, Gene, Proteine etc.).

Daher rührt auch die Verschiebung, die wir im Hinblick auf unseren Körper wahrnehmen. Daher rühren die tief greifenden und oft erstaunlichen Manipulationen, die wir ihm aufzwingen. Darauf ist auch das Oszillieren unserer Identität zurückzuführen: Die biologische Dimension des Körpers (jene, die wir sehen) erscheint uns so unzuverlässig, so wenig repräsentativ für seine wahre Natur, dass wir sie fröhlich transformieren, hybridisieren und mitunter sogar preisgeben (Schönheitschirurgie, Organtransplantationen, Genbehandlung, Transgenetik etc.). Tatsächlich bewirken Allmacht und Allwissenheit der technologischen Realität eine bedeutende Verschiebung unserer Realitätswahrnehmung. Was unsere Sinne uns bestätigen, betrachten wir mittlerweile als Illusion. Was wir nicht sehen und nicht verstehen können, betrachten wir als Realität.

Insofern ist es nicht erstaunlich, dass wir Kino, Fernsehen, Videospiele und andere Simulationen so wohlwollend aufgenommen haben. Wir leben seit mittlerweile mehr als einem Jahrhundert in einer Wirklichkeit, die wir als illusionär ansehen.
Wen erstaunt es, wenn die Populärkultur das Vorhandensein einer ganzen Reihe von (außerirdischen, politischen, genetischen) Paralleluniversen andeutet? Die Chronik der Intrigen, Ränke und Konspirationen ist lang. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass der Bürger gezwungen war zu erkennen, dass das, was er sieht, weiß, versteht, berührt und hört, nur eine Sinnestäuschung ist. Die wahre und wirkliche Struktur, jene, die sich auf die Existenz auswirkt, entwickelt sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

Tatsächlich erscheint uns die technologische Realität heute so fremd, so losgelöst von der biologischen Existenz, dass es keine Übertreibung ist, wenn man die Rolle des Wissenschaftlers mit der eines Schamanen vergleicht. Wie der Schamane kennt nur der Wissenschaftler die wahre Struktur der Welt, jene, die sich unmittelbar auf die Existenz auswirkt. Wie der Schamane hat nur der Wissenschaftler Zugang zu diesen Realitätsebenen und weiß, wie man in sie eintaucht. Wie der Schamane kann nur der Wissenschaftler auf diese Realitätsebenen einwirken, deren Manipulation gravierende Auswirkungen auf die biologische Realität hat. Tatsächlich verweisen der Wissenschaftler wie der Schamane nicht nur darauf, dass die biologische Realität eine verschwindend kleine Dimension im Universum darstellt, sondern auch darauf, dass sie keine nennenswerten Wirkungen hervorbringt. Für den Wissenschaftler wie für den Schamanen ist die biologische Realität im Wesentlichen eine Folge der Interaktion anderer (verborgener) Realitäten.

Dies erklärt auch die große Anzahl an Sciencefiction-Filmen, die eine aus den Angeln gehobene Realität zeigen. Für die moderne Sciencefiction ist die biologische Wirklichkeit Täuschung, während die technologische Wirklichkeit das ist, was der Täuschung vorausgeht und ihr Leben verleiht. Matrix ist in diesem Zusammenhang interessant. Welche Sichtweise schlägt dieser Film vor? Die Realität als künstliche Welt mit dem deutlich formulierten Ziel, es dem Menschen zu ermöglichen, seine Existenz zu akzeptieren und die dahinter liegenden Strukturen, die sein Leben beherrschen und steuern und die nur das Überleben der Maschinen zum Ziel haben, zu vergessen (nicht kennen zu müssen). In Matrix ist der Körper wie in unserer heutigen Welt von seiner Existenz, seiner Permanenz losgelöst, da er nur über das Simulacrum präsent ist.

Gewiss, die Personen (und ihre Körper) agieren in der „realen“ Welt (jener des Kampfes mit den Maschinen), entfalten und erklären sich aber eigentlich in der virtuellen Welt. Matrix spiegelt die Ängste unserer Welt und zeigt uns Personen, die lustvoll in dieses virtuelle Universum eintauchen (wird nicht das Gerhirn-Implantat durch eine Intubation aktiviert, die Schmerz und Lust auszulösen scheint?), in dem der Körper gleichsam göttlich ist. Kurz gesagt: Wir leben heute jenseits der technologischen Realität in einer Realität, die man „hybridisiert“ nennen könnte.

Was ist die hybridisierte Realität? Die Auffassung von der Welt als einer im Hintergrund wirkenden Kraft, von der der Körper, das Fleisch, das Individuum nur der sichtbare Ausdruck sind. Für die hybridisierte Realität ist die biologische Wirklichkeit die Welle auf dem Ozean: diese ephemere, durchscheinende Form, die, untrennbar von der Masse, das Resultat komplexer, unendlicher und verborgener Interaktionen ist. In der hybridisierten Welt ist die Wahrheit des Universums (jener Strukturen und Kräfte, die den Lebewesen, Objekten, Ideen, der Evolution selbst, Leben verleihen) nicht zu fassen. In der hybridisierten Welt ist Authentizität unerreichbar (weil sie sich fast ausschließlich jenseits der Sinne entfaltet) und unverständlich (weil sie auf physikalischen Gesetzen beruht, die keiner biologischen Logik unterliegen). Tatsächlich unterbreitet uns die hybridisierte Realität ein Universum, das der berühmten Frage nach der Länge der Küste Englands in der Chaostheorie gleicht: jener Küste, die maß- und endlos ist, da sie, je genauer man misst, umso länger wird (wenn man die Küste Zentimeter für Zentimeter vermisst, werden zahlreiche Einschnitte berücksichtigt, die ein größerer Maßstab ignoriert). Je mehr wir in die hybridisierte Realität eintauchen, je mehr wir sie „vermessen“, umso mehr verändert und verflüchtigt sich die Form des Realen, Authentischen, Wahren. Die hybridisierte Realität ist die Unmöglichkeit, die Wirklichkeit auf ihre biologische Dimension zu beschränken. Sie ist vor allem aber die Unmöglichkeit, Grenzen zu ziehen und Unterscheidungen vorzunehmen. Alles hybridisiert sich, vermischt sich, wird verflochten. Alles durchdringt sich und verbindet sich mit seiner Umgebung. Alles ist infiziert und gekreuzt. Nichts ist eindeutig identifizierbar.

Darüber hinaus impliziert die hybridisierte Realität die Notwendigkeit, die Rolle des menschlichen Wesens neu zu überdenken. Wir sind nur Mechanismen im Dienste einer Dynamik (der Evolution), die uns überschreitet. Unser Zustand, ja, unsere Conditio, die Verfassung des individuellen Körpers ist uns fremd, unerreichbar, eine chemoelektrische Struktur, die wir weder kontrollieren noch kennen. Mehr noch, wir existieren in einem Universum seltsamer und zufälliger Wirklichkeiten, die unsere Sinne nicht (oder kaum) erfassen, und unsere Hervorbringungen, Unruhen, Hoffnungen und Konstrukte haben nur das eine Ziel, uns vorzugaukeln, dass wir leben. Kurz gesagt, die hybridisierte Realität verweist auf eine tief greifende Verschiebung des menschlichen Wesens, nicht nur in der kosmischen Hierarchie (in der hybridisierten Realität kann es keine pyramidale Struktur geben), sondern auch in der eigentlichen Dynamik. Der Mensch ist in der hybridisierten Realität wie in Matrix eine Schachfigur; seine Rolle, sein Ziel, der Sinn seiner Existenz ist es, einem Mechanismus zu dienen (den Maschinen in Matrix, der Evolution in unserem Fall). Alles andere sind Details.

Wozu dient der Mensch, fragt die hybridisierte Realität? Wozu dient das menschliche Bewusstsein, das die Welt betrachtet, ihr und sich Sinn verleiht? Für die hybridisierte Realität ist das Bewusstsein nur ein Akzidens (ein unglücklicher, denn es trägt die Verzweiflung in sich), es gehört nicht dem Menschen an, der nur sein Ausdruck ist (wie die Welle nur der Ausdruck des Ozeans ist), sondern der gesamten Existenz, die aus multiplen ineinander verwobenen Realitäten besteht. Tatsächlich stehen – um erneut auf den Film Matrix zurückzukommen – in der hybridisierten Realität Intelligenz und Bewusstsein nicht im Dienst des Menschen, sondern im Dienst des Mechanismus der Evolution.

Um die hybridisierte Realität zu verstehen und vor allem zu dekodieren, muss man diesen Sachverhalt akzeptieren. Wir sind heute mit unzähligen Ungewissheiten, Gewaltsamkeiten und Konfusionen konfrontiert, weil der Mensch diese neue Bedingung nicht akzeptieren kann, sie weder sehen, noch sich eingestehen will. Fundamentalismus, Faschismus, Sexismus etc., die Spannungen, die in unserer Welt herrschen, sind das Resultat dieser Neudefinition des Menschen und seines Universums.
Daher sind wir heute Zeugen der digitalen Revolution sowie neuer Kunst- und Erzählformen.

Denn was ist das Digitale? Es ist das Werkzeug der Hybridisierung, der Infizierung, der Dissemination schlechthin; das Werkzeug, das die Genese auslöscht, das sich durch Schichten entfaltet, das jede Trennungs- und Abgrenzungsmöglichkeit eliminiert, und das vor allem eine sinnentleerte Rezeption der uns umgebenden Welt anbietet. Das Digitale ist kein Weltentwurf, wie wir ihn kennen, wie ihn uns die biologische Realität bietet. Das Digitale simuliert diese Welt, imitiert sie, ohne jedoch an sie gebunden zu sein, denn während der fotografische Akt auf der biologischen Realität beruht, basiert die digitale Repräsentation auf der Irrealität der Informatik. Das Digitale verleugnet den Ursprung der Welt. Durch das Digitale verliert die Benutzeroberfläche der Welt ihre biologische Dimension und wird auf Informationseinheiten reduziert. Das Digitale ist Kunst ohne Material und Materialität (weil sie nur auf der winzigen Oberfläche der Photonen des Bildschirms präsent ist), eine verschwommene, leichte Kunst, die gegen zeitlichen Verfall immun ist (theoretisch ist das Digitale der Vergänglichkeit nicht unterworfen) und doch so zart wie Blütenstaub im Wind. Das Digitale ist die hybridisierte Realität: Die Formen, die es hervorbringt und zeigt, sind das Ergebnis unsichtbarer Interaktionen und Verflechtungen.

Die digitale Kunst ist wie die hybridisierte Realität, deren Ausdruck sie ist, ohne Ursprung und Ende, beliebig oft zu vervielfältigen, doch frei von jedem Rückbezug (weil das Original keine Identität hat).

Die digitale Kunst ist demnach nach herkömmlichem Verständnis nicht narrativ. Das Narrative kann hier nicht zentripetal und kausal, gebunden an einen spezifischen Raum und eine spezifische Zeit, an eine bestimmte Geografie und Kultur sein. Die digitale Kunst ist wie die hybridisierte Realität Ausdruck der Deterriorialisierung. Beide verfügen weder über ein Territorium noch über eine Linearität des Territoriums, besitzen weder Raum noch Geografie weder Kultur noch Sprache. Beide sind unfassbar und in Bewegung, zufällig und brüchig. Gewiss hören, sehen und lesen wir in der digitalen Kunst wie in allen künstlerischen Ausdrucksformen Melancholie, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, manchmal auch Freude und Erotik. Doch zeigen sich diese Dinge in der digitalen Kunst durch die Deterritorialisierung der Erzählung, das Fehlen des Ursprungs und der Kausalität von Worten, das Gleiten und Navigieren, das Verschwinden der Linearität von Zeit, Raum und Erzählung. Das digitale Werk erzählt keine Geschichte, es flüstert, murmelt, lässt kurz Schemen, Silhouetten aufblitzen, es erzählt sich nicht, nimmt aber das Rauschen der Weite in sich auf. Die digitale Kunst ist die Kunst der Distanz und des Sich-Distanzierens, die Kunst des Exils, die Nostalgie einer Welt, die am Horizont entschwindet. Die digitale Kunst präsentiert Werke, die sich entziehen; sie erzählt Dinge, deren einziger Sinn jenseits des Fluchtpunkts zu finden ist. Warum sollte man also digitale Kunst machen? Vor einigen Jahren schrieb die Digitalkünstlerin Char Davies:

Ungeachtet ihres Namens ist die virtuelle Realität mit all ihren Randerscheinungen, den impliziten dreidimensionalen Umgebungen, in keiner Hinsicht Realität, sondern (lediglich) Repräsentation menschlichen Wissens. Wenn wir das Modell eines Vogels kreieren, der in einem virtuellen Raum herumfliegt, kann dieser Vogel, selbst mit Millionen von Polygonen und raffiniertester Programmierung, nur die Summe unseres (sehr beschränkten) Wissens über Vögel sein – er hat keine Alterität, kein verborgenes Sein, kein autonomes Leben. Bedenklich finde ich, dass unsere Kultur eines Tag glauben könnte, dass der simulierte Vogel (der unserem Kommando gehorcht), der wirklichen Entität entspricht und vielleicht sogar überlegen ist. Damit würden wir uns selbst berauben, das Mysterium gegen Sicherheit und lebende Wesen gegen Symbole eintauschen. (1)


Ich glaube im Unterschied zu Davies, dass man den digitalen Vogel nicht nur als Zeichen der tief greifenden Umwälzungen, mit denen wir konfrontiert sind, verstehen soll, sondern vor allem als Übergangsstruktur. Davies' digitaler Vogel ist nach wie vor eine Repräsentation des Vogels. Er repräsentiert nach wie vor das, was wir unter einem Vogel verstehen. Trotzdem ist er zur Gänze digital und besitzt alle Eigenschaften der hybridisierten Realität. Doch gleicht er einem Vogel und trägt nach wie vor die Schattenseiten, Bedeutungen und Hoffnungen in sich, die wir einem wirklichen Vogel zuschreiben. Ihm ist es zu verdanken, dass wir unsere neue Conditio hinterfragen können, unsere Herausforderungen und Bedrohungen in der hybridisierten Realität, den Platz, den wir und unsere Produktionen in dieser neuen kosmischen Dynamik einnehmen.

Wir stehen an der Schwelle einer faszinierenden Welt. Wie formulieren wir unsere Möglichkeiten angesichts dieser Gegebenheiten neu? Wie verflechten wir Humanismus und hybridisierte Realität? Emotionen und Digitalität? Sinn und Evolution? Die digitale Kunst bietet uns eine Möglichkeit, die paradigmatische Revolution, die wir erleben, zu dekodieren, zu verstehen und zu erfassen. Angesichts der metaphysischen Transformationen, des Fehlens biologischer Sinne, der unaufhörlichen Verschiebungen und Verflechtungen bietet uns die digitale Kunst die Spur einer Neudefinition des Männlichen und des Weiblichen. Die digitale Kunst deutet an, dass selbst in der Fremdheit der hybridisierten Realität, selbst in der Wirklichkeit, die Organisches und Anorganisches vermischt, die aus dem Sichtbaren ein Simulacrum und dem Menschen einen Mechanismus macht, trotz allem die Melancholie des Vaters, die Traurigkeit des Menschen, das Geflüster des Kindes, die Süße der Frau existiert. Angesichts dieser fremden und oft gewalttätigen Welten, die uns heute die hybridisierte Realität aufzwingt, bleibt gleichwohl diese universelle Sehnsucht, Leiden, Freuden und Einsamkeiten miteinander zu teilen. Seit Anbeginn der Welt leidet Jesus am Kreuz, irrt Odysseus auf der Suche nach seiner Heimat durch die Meere, wie Michel Serres schreibt. Darum gibt es die Kunst. Angesichts des Verschwindens nicht nur unseres Zentrums, sondern unseres gesamten biologischen Universums, bietet uns die Kunst, selbst ohne Ursprung und Ziel, selbst zentrifugal und alinear, Worte und Stimmen, Gemurmel und Schemen von der Conditio humana und ihrer Erschütterung. Selbst die hybridisierte Realität und die digitale Kunst können dem nicht entkommen.

Aus dem Französischen von Martina Bauer


(1)
Davies, Char: „Natural Artifice“, in: Richards, Catherine; Tenhaff, Nell: Virtual Seminar on the Bioapparatus,
The Banff Centre for the Arts, 1991, S. 16