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Über den Dualismus hinaus zum Hybridismus


'Solomon Benjamin Solomon Benjamin

Transformation von Politik und Wirtschaft durch den urbanen Alltag

Städte werden immer mehr zu Hybriden aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Raum. Warum ist das Konzept der Hybridität für die Diskussion dieser Veränderungen wichtig? In diesem Beitrag vertrete ich den Standpunkt, dass uns dieses Konzept hilft, unzweckmäßige und politisch unvorteilhafte Binaritäten zu überwinden. Hybridität eignet sich besser als Dualismus, um die wahren Schauplätze des Wettstreits aufzuzeigen und zu verstehen, wie Städte aus der direkten Materialität des Alltags erwachsen.

Städte werden großteils von zunehmend komplexen und dynamischen Strukturen geformt. In Wirtschaft und Politik zeigt sich dies nicht nur im Lauf der Geschichte, sondern zweifelsohne auch an zentralen Auslösern: etwa 9/11, der Ölpreisanstieg, der zunehmende Einfluss globaler Konzerne auf die Weltwirtschaft sowie die Erderwärmung. Ich versuche aufzuzeigen, wie der Alltag in Städten diese Ereignisse aufnimmt und sie durch komplexen lokalen Wettstreit neu formt. Manche Aspekte dieses Wettstreits sind einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Viele andere – etwa komplexe politische Arrangements, ungeahnte Beziehungen über ethnische Trennlinien hinweg sowie neue Bruchlinien – zeigen sich allerdings erst, wenn man das städtische Umfeld genauer unter die Lupe nimmt.

Das Konzept der Hybridität kann uns vielleicht neue Perspektiven auf alte Konfliktfelder eröffnen. Dies geschieht hauptsächlich dadurch, dass wir Städte ausgehend von einem tiefer verwurzelten Verständnis des städtischen Wandels betrachten und so traditionelle Binaritäten (informell / formell, geplant / slumartig, modern / traditionell, legal / illegal) überwinden können. Besonders wichtig ist es, ein weiteres, impliziteres Gegensatzpaar aufzubrechen, wonach Städte in reicheren Ländern mit dem Etikett „entwickelt“ und Städte in ärmeren Ländern mit dem Etikett „unterentwickelt“ versehen werden. Daher gehe ich in meinem Beitrag über Städte wie das indische Bangalore oder Delhi nicht nur auf die reicheren Stadtviertel ein, sondern versuche aufzuzeigen, wie reiche und weniger reiche Stadtteile sich gegenseitig beeinflussen. In Anlehnung daran schlage ich vor, eine derartige Analyse durch ein konzeptuelles Projekt, das sich auf urbane Gebiete in reichen und armen Ländern konzentriert, sinnvoll zu erweitern.

Als „hybride” Entitäten sind Städte mehr als nur demografische Ballungszentren oder passive Orte des globalen Konsums, der globalen Produktion oder des globalen Absatzes. Bei näherer Analyse erweist sich der politische und wirtschaftliche Alltag als überaus wichtiger Faktor der Veränderung. Die Dynamik von Land, Raum und Ort spielt in diesem Drama eine entscheidende Rolle. Land ist beispielsweise weitaus mehr als nur ein Element der Triade Land, Arbeit und Kapital. Raum und Ort wiederum verweisen auf die Bedeutung der immer stärker ausgeprägten Unterschiede bei Miet- und Pachtverhältnissen. Dadurch können die am Immobilienmarkt erzielten Überschüsse in die Wirtschaft investiert und in der Gesellschaft umverteilt werden, was den Weg für neue politische Allianzen ebnet. Betrachtet man das transformative Potenzial von Land, ergeben sich noch weitere einschneidende Auswirkungen auf die Politik, etwa im zentralen politischen Aufgabenbereich der städtischen Verwaltung. Aufgabe der Stadtpolitik ist nicht nur der tagtägliche Erhalt der städtischen Infrastruktur; sie hat auch entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des globalen Wettbewerbs, etwa wenn einflussreiches Finanzkapital in der Stadt Fuß zu fassen versucht.

Wie beim Faktor Land erweisen sich bei näherer Betrachtung großer Städte wie Bangalore und Delhi sowie unzähliger kleinerer Städte nicht nur große Fabriken oder Einkaufszentren– Filialen weltweit tätiger Ketten – als Motor des Wirtschaftslebens. Zwar sind einige dieser Filialen anzutreffen, häufiger sind jedoch meist kleinere vernetzte, autonom agierende Firmencluster. Diese Cluster stellen eine Bedrohung für das globale Kapital dar, da sie gezielte Kontrolle über das Konsumterritorium ausüben. Diese Kleinunternehmen weisen außerdem ein erstaunlich hohes Innovationspotenzial auf, das häufig nicht auf der innovativen Leistung des Einzelnen beruht. Innovation erfordert vielmehr einen stark systemischen Zugang, der von kundenorientierter Fertigung im Rahmen hoch komplexer vernetzter Beziehungen geprägt ist.

Das Konzept der hybriden Stadt signalisiert einen radikalen Bruch mit der traditionellen Praxis und Politik der Städteplanung. Zentrale Planung ( master planning) nützt Großkonzernen und den höheren politischen Verwaltungsebenen. Erstere versuchen staatliche Subventionen für die Landentwicklung und die Errichtung einer erstklassigen Infrastruktur zu akquirieren, Letztere streben nach stärkerem politischen Einfluss. Eine Wirtschaft, die die Stadtpolitik fördert, ist für beide Akteure ein klares Hindernis. Die Neugestaltung bürokratischer Strukturen, die Belegung von produktivem Raum und insbesondere komplexe soziale Netzwerke stellen für sie eine ernst zu nehmende Bedrohung dar. Berücksichtigt man diese engmaschigen Verflechtungen der Politik mit dem städtischen Alltag, so zeigt sich, dass es hier nicht nur darum geht, dass örtliche Gruppierungen sich diesen Kräften widersetzen, sondern sie sich heimlich und unterschwellig zu Eigen machen, sie untergraben und hintergehen.

Es überrascht daher nicht, dass die urbane Gesellschaft in diesem dynamischen Transformationsprozess rund um Land, Wirtschaft und Politik selbst neue Formen angenommen hat. Die wirtschaftliche Vernetzung lässt Beziehungen über ethnische Demarkationslinien hinweg entstehen, wobei Gebräuche und Normen stets neu ausgehandelt werden. Die Landerschließung beeinflusst diesen Prozess weiter: Es entsteht eine Politik der wechselnden Koalitionen, die ungeahnten politischen Raum eröffnet. Diese politische Hybridität ist besonders für örtliche Gruppierungen wichtig, damit sie sich zentraler agierenden Global Players – wie etwa globalen Unternehmen und eng vernetzten Eliten, die die höheren politischen Ebenen stützen – widersetzen können.

Durch diese Mikroanalyse von Wirtschaft, Politik und Raum gelingt es, alte Dualismen – formell/ informell, modern / traditionell, umweltschädlich / sauber, geplant / ungeplant, lowtech / hightech – aufzubrechen. Vielleicht können wir dadurch sogar eine weitere, tief verwurzelte Binarität überwinden: die binäre Sicht des Nationalstaats und des Markts und damit die Annahme der Dominanz der zentralen Planung. Eine genaue Erfassung hybrider Wirtschaftsprozesse und ihrer systemischen Strukturen trägt dazu bei, die Zentralität der Politik zu stärken. Vielleicht ist dies das gewichtigste Argument dafür, die Stadt und das städtische Leben genauer zu betrachten und so bislang unkartierte Gässchen und Plätze zu entdecken, die eine Fülle menschlicher Erfahrungen und Strukturen in sich vereinen.

Aus dem Englischen von Sonja Pöllabauer