www.aec.at  
Ars Electronica 2005
Festival-Website 2005
Back to:
Festival 1979-2007
 

 

Der hybride Raum der vernetzten Gemeinschaften


'Marco Susani Marco Susani

Als sich vor mehr als zehn Jahren die ersten virtuellen Gemeinschaften entwickelten und der Zugang zum Internet einzig vom Computer aus möglich war, entstand auch die Vorstellung einer „Gesellschaft ohne Gestalt“. Diese Annahme einer gestaltlosen Gestalt des Internet, wo jeder Knotenpunkt mit einem beliebigen weiteren Knotenpunkt vernetzt sein könnte, nahm das Entstehen einer Gesellschaft vorweg, in der jeder mit jedem vernetzt sein könnte und jeder auch wirklich mit jemandem vernetzt sein würde. Eine solche Gesellschaft würde jeglichen räumlichen Charakter einbüßen und isoliert vom „realen“ physischen Raum in diesem gestaltlosen digitalen Raum existieren. Wenig überraschend, entwickelte sich das Paradigma der immersiven „virtuellen Realität“ zum vorherrschenden Interaktionsparadigma dieser Zeit; im Alltag äußerte sich diese Vorstellung in der ungleich prosaischeren Ansicht, dass man tatsächlich vom „echten“ Leben abgeschnitten sei, wenn man sich vor dem Computer befand.

Heute geht die Entwicklung in eine andere Richtung, und die explosive Mischung aus zunehmend gemeinschaftsorientierten sozialen Strukturen – eine soziale Innovation – und die Verbreitung von mobilen drahtlosen Medien – eine technische Innovation – künden von einer Gesellschaft, die nicht „gestaltlos“ ist, sondern eine andere Gestalt als in der Vergangenheit angenommen hat. Ein grundlegender Unterschied zwischen dem traditionellen Szenario der virtuellen Gemeinschaften und den neu entstehenden vernetzten Gemeinschaften ist, dass letztere dem Raum verhaftet sind: Mobile drahtlose Medien sind stets an eine Interaktion gebunden (eine Interaktion zwischen menschlichen Individuen bzw. zwischen Mensch und elektronischen Inhalten), die stark lokalisiert ist.

Mobilität bedeutet allerdings keine völlige Loslösung vom Ort, die es erlaubt, praktisch überall in Interaktion zu anderen zu treten, unabhängig davon, wo man sich gerade befindet, sondern ist im Gegenteil stark kontextualisiert und begründet Interaktionen, gerade weil man sich an diesem spezifischen Ort befindet. Ortsgebundene Inhalte und Dienste liefern kontextgebundene Informationen, die für den eigenen gegenwärtigen Standort relevant sind. Proximity Communication, der drahtlose Datenaustausch, ermöglicht Kontakte mit Menschen, die sich in diesem Moment in der Nähe befinden. Diese mobile Gesellschaft wäre daher keine gestaltlose Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, in der das Ortsgefühl, das Architekten früher als genius loci bezeichneten, sogar noch stärker ausgeprägt wäre.

Eine Gesellschaft, in der soziale Dichten – ein erhöhter Fluss von Freundschaften – in gewisser Weise an den physischen Standort gebunden wären. Diese Gesellschaft wäre kein gestaltloses Netz, sondern ihre Gestalt würde durch diese sozialen Dichten bestimmt werden.

Eine solche Gesellschaft wäre allerdings auf keinen Fall so statisch und stabil wie die civis des Altertums, in der Wände, Bauten und piazze allein die physischen Grenzpfeiler des Ortsgefühls darstellten. In einer solchen mobilen Gesellschaft würde das Ortsgefühl von einem immateriellen Informationsfluss bestimmt, der über eine physische Ortsgebundenheit hinausgeht: Der genius loci würde „den Äther“ durchströmen und gleichzeitig dem Ort verhaftet sein. Die hybrid-physische und digitale, die materielle und immaterielle, die greifbare und flüchtige räumliche Natur dieser Orte ist das eigentliche grundlegende Merkmal der Gesellschaft der vernetzten Gemeinschaften, die ich als „auratische“ Gesellschaft bezeichnen möchte.


Auratische Gemeinschaften der ersten Art: von Menschen und Menschen

Wird „Aura“ als der hybride, fließende Raum definiert, der Menschen umgibt und ihren Fluss von Informationen, Freundschaften und Interaktionen umhüllt, dann lebt jeder Mensch in einer Welt von Auren von unterschiedlichem Umfang, unterschiedlicher Größe und Gestalt. Jeder Mensch teilt verschiedene Auren mit verschiedenen Gemeinschaften. Diese Auren wiederum treffen auf Auren, die andere Menschen umgeben, bzw. auf Auren, die von physischen Räumen ausgehen, und interagieren mit diesen. Seit einigen Jahren versuche ich gemeinsam mit meinem Kollegen Federico Casalegno die verschiedenen Ausprägungen einiger dieser Auren zu untersuchen und zu visualisieren.

Ich habe versucht, ihre Größe abhängig von der Größe der Gemeinschaften, die diese Auren „bevölkern“, zu klassifizieren. Wir erhielten so eine Art Atlas, in dem multiple soziale Räume kartiert werden können, vom typischen Eins-zu-eins-Telefongespräch zur konventionellen Eins-zu-viele-Rundfunk- und Fernsehübertragung. Das Ergebnis ist ein Bild einer zukünftigen Welt, die von verschiedenen Gemeinschaften bevölkert werden könnte – eine Vision von nicht greifbaren sozialen Räumen, die von
fließenden, dynamischen Auren begrenzt werden – eine auratische Gesellschaft, die das
Potenzial birgt, viele Regeln der traditionellen Massenmediengesellschaft aufzubrechen, die weiterhin als Referenzmodell für viele soziale Gefüge dient.
Einige grundlegende Aspekte dieser auratischen Gesellschaft scheinen besonders interessant:

1. Die vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch Wenige-zu-wenigen- und Jeder-zu-vielen-Interaktionsmuster eröffnen, die erst durch mobile drahtlose Medien möglich wurden, sind der Kern einer potenziell vernetzten Peer-to-Peer-Gesellschaft, die sich grundlegend von der Massenmedien- und Fernsehgesellschaft unterscheidet. Blogging, Photoblogging, Streetblogging und Podcasting sind die ersten neuen Interaktionsmuster, die zu einer radikalen Veränderung der Kommunikationsstrukturen bzw. der Urheberschaft und Verbreitung von Inhalten führen könnten.

2. Die soziale Tiefe der Kommunikationsflüsse innerhalb der Auren wird ebenfalls von der Vielfalt der Kommunikationsformate bestimmt, die durch drahtlose Medien möglich werden. Die SMS-Revolution bewies, dass neue Kommunikationsformate nicht zu einer Replikation der Face-to-Face-Kommunikation führen, sondern Narrative initiieren können, die sich grundlegend von Face-to-Face-Interaktionskontexten unterscheiden. Ausgehend von diesem Phänomen stehen verschiedene innovative Kommunikationsformate und narrative Strukturen (Chat, Chat-by-Pictures, Traces, Foren zum Erfahrungsaustausch etc.) im Zentrum neuer Arten von kollaborativen Umgebungen, die die vernetzten Gemeinschaften verbinden.

3. Kommunikation und Zugriff auf Content sind stärker verbunden und praktisch nicht trennbar. Während in der Vergangenheit sowohl Kommunikation als auch der Austausch von Content möglich war, diese Vorgänge jedoch getrennt voneinander abliefen, ist die Verquickung dieser beiden Abläufe – eine Art annotiertes Content Sharing – ein grundlegendes Merkmal der neuen interaktiven Medien; im Fall der mobilen drahtlosen Medien könnte dies ungeahnte Formen annehmen und zur Entstehung bislang kaum vorstellbarer innovativer Gemeinschaften führen.

4. Die Interaktion mit diesen und innerhalb dieser Auren unterscheidet sich grundlegend von der konventionellen Interaktion mittels PC. Die wahre Innovation bei der Interaktion über mobile drahtlose Medien ist nicht die Bildschirmoberfläche (weiterhin oft eine Miniaturnachbildung des GUI am PC), sondern der Handheld-Charakter der Interaktion (Gesten, Bezug zum Körper und den Körperbewegungen), die Interaktion mit Raum und Ort (Point-and-Click-Karten von physischen Orten, ortsgebundene Interaktion) und die sozialen Dienste zur Unterstützung der Interaktion (personalisierte Filter, Anzeigen von Anwesenheit und Online-Status, Profiling und Recommending Engines).
Noch interessanter als die Beschreibung der verschiedenen Auren ist allerdings die Untersuchung der dynamischen Interaktionsmechanismen zwischen den Auren. Werden die Auren als sozio-räumliche Bezugspunkte zur Definition von Gemeinschaft und zur Darstellung von deren sozialer Dynamik herangezogen, ergibt sich eine neue Perspektive auf die Soziologie und die Medienwissenschaften. Zur Interpretation der sozialen Dynamik noch besser geeignet wäre das Modell einer „Meteorologie“ der Auren: eine Form der Beobachtung, die die Steuerung von dynamischen, immateriellen, fließenden, unvorhersehbaren Flüssen erlaubt, die jedoch stets bestimmten komplexen Regeln folgen.


Auratische Gemeinschaften der zweiten Artvon Menschen und Dingen :


Es gab eine Zeit, in der die Menschen noch nicht vernetzt waren. Heute ist dies kaum vorstellbar: Digitale Vernetzung ist schon fast ein Teil der Natur des Menschen. Dinge – Objekte – sind jedoch noch nicht vernetzt, und es wird eine Zeit kommen, in der auch sie vernetzt werden. Die notwendige Technologie existiert bereits: RFID-Tags sind nur eine der vielen drahtlosen Technologien, die die Kommunikation von Objekten mit dem Netz und die Übertragung von Informationen erlauben.

Bis jetzt blieb die Anwendung dieser Technologien auf die Nutzung bei der Lagerhaltung und zur Bestandsaufnahme beschränkt: Gegenstände signalisieren vernetzten Systemen, was sie sind und wo sie sich befinden, und können dadurch verwaltet, überwacht, nachverfolgt und gezählt werden. Es lässt sich unschwer vorstellen, was passieren könnte, wenn um vernetzte Objekte herum ein komplexes menschliches Ökosystem entstünde. Stellen Sie sich vor, dass soziale Systeme wie mobile Blogging Communities mit diesem „Netz der Objekte“ vernetzt werden könnten. Die potenziell ortsverhaftete Interaktion über mobile drahtlose Medien, die oben beschrieben wurde, könnte auf die Interaktion mit Objekten ausgeweitet werden: Dinge hätten ebenfalls eine Aura, und um die Gegenstände herum könnten kollektive Annotationen aufgebaut werden.

Objekte würden die menschliche Interaktion um sich herum in „Erinnerung behalten“. Aus räumlicher Perspektive würde dies bedeuten, dass jedes Objekt die Fähigkeit hätte, Interaktionen um sich herum zu strukturieren, ebenso wie es die Macht hätte, sogar während es sich in Bewegung befindet, eine Sphäre der kontextualisierten Informationen und des kontextualisierten Wissens mit sich zu führen – seine eigene Aura. Wir könnten uns weiter vorstellen, dass vernetzte Objekte bestimmte soziale Regeln zur Steuerung ihrer Interaktionen entwickeln würden: So wie vernetzte Geräte sich heute bereits erkennen und vor einem Datenaustausch „begrüßen“, ist eine gewisse Autonomie bei der Steuerung mancher sozialer Interaktionen zwischen Objekten vorstellbar.

„Gemeinschaften“ von Objekten könnten ihre Prioritäten eigenständig festlegen, Entscheidungen bis zu einem gewissen Grad kollektiv treffen und klar festgelegte soziale Verhaltensformen annehmen. Verglichen mit der anthropomorphen Natur der Welt der Roboter, dem Traum oder Albtraum von Fortschritt in der Vergangenheit, könnte diese „Gesellschaft der Objekte“ sich als weitaus faszinierender erweisen, da sie keine Imitation des menschlichen Verhaltens anstrebt, sondern das ideale dynamische physische Netz bilden würde, das einen geeigneten Hintergrund und Kontext für die kollektive Intelligenz des menschlichen Netzes darstellen würde. Eine zarte Schicht von Auren, die die auratische Gesellschaft mit feinen Sprenkeln von Schläue durchsetzen würde.
Aus dem Englischen von Sonja Pöllabauer