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Fair Music


'Peter Rantasa Peter Rantasa

Musikalische Grundrechte
  • Alle Kinder und Erwachsene haben das Recht, sich in aller Freiheit musikalisch auszudrücken.
  • Alle Kinder und Erwachsene haben das Recht, musikalische Ausdrucksformen und Fähigkeiten zu erlernen.
  • Alle Kinder und Erwachsene haben das Recht auf Zugang zu musikalischen Aktivitäten: zur Teilnahme, zum Hören, zum musikalischen Schaffen und zur Information.
  • Musikschaffende haben das Recht, sich als Künstler zu entwickeln und das Recht auf Kommunikation in allen Medien, indem ihnen angemessene Einrichtungen zu ihrer Verfügung stehen.
  • Musikschaffende haben das Recht auf angemessene Anerkennung und Vergütung für ihre Arbeit.
    (aus dem Statut des IMC – International Music Council, einer Körperschaft der UNESCO)

So gut hatten wir es noch nie! Als Musikfans erinnern wir uns an die Tage, als uns die Sehnsucht nach neuen Platten stundenlang in verstaubten Kisten wühlen und in fremden Städten kiloweise Plastik mit Begeisterung einkaufen ließ, um endlich jene Musik zu hören, von der wir in den Magazinen unserer Wahl gelesen hatten. Handys, Notebooks,Webplattformen – jeder neue elektronische Kommunikationsweg ist heute voll mit Musik. Auf den Straßen sieht man immer seltener Ohren, zu denen nicht die sprichwörtlichen weißen Drähte führen. Doch wissen wir auch, woher die Musik kommt, die uns gerade begeistert? Neben dem Künstler, der uns am Herzen liegt, sind zahlreiche Personen und Firmen daran beteiligt, dass wir endlich hören können, was wir wollen. All diese kennen wir eigentlich nicht!

Als Musikfan habe ich ein Recht darauf, genau die Musik zu hören, die ich hören möchte. Als Kreativer habe ich ein Recht darauf, für meine Leistungen und Ideen Anerkennung und Bezahlung zu finden. Als HörerIn gehe ich davon aus, dass das Geld, das ich für meine Musik ausgebe, auch den KünstlerInnen meiner Wahl zugute kommt. Aber kann ich wirklich davon ausgehen, dass die KünstlerInnen einen gerechten Anteil von meinen Ausgaben erhalten und dass sie ihre Musik – ganz grundsätzlich – künstlerisch frei und unter fairen Bedingungen produzieren können?

Beim traditionellen Weg der Musikdistribution über Tonträger bezahle ich als HörerIn im Geschäft rund 17 Euro. Davon erhalten die Künstler, je nach Qualität des Künstlervertrages, circa ein bis zwei Euro. Der Rest geht an Handel, Vertrieb, Plattenfirmen, usw. In der digitalen Welt ist – trotz einer Vielfalt an Modellen und deutlich gesunkenen Vertriebskosten – der Anteil für Künstler kaum gestiegen. Das ist aber noch längst nicht alles, worum ich mich als bewusste HörerIn kümmern sollte. So wie mir bei Textilien oder agrikulturellen Produkten die Arbeitsbedingungen der Produzenten nicht gleichgültig sind, so ist es für mich als Fan auch nicht egal, ob meine Band in einem Knebelvertrag steckt, der wenig künstlerische Freiheiten zulässt und kaum Geld bringt.

Die Digitalisierung führte zu einem Strukturwandel des Musiksektors, in dem sich die von extremer Marktkonzentration geprägte Unterhaltungsindustrie und die „Access Provider“ – wie etwa Internet Service Provider und Telekomunternehmen – in der Konkurrenz um das Geld der Musikfans bis heute gegenüberstehen. Beide Seiten betrieben – im Namen der Musikfans oder der Künstler, tatsächlich primär im eigenen Interesse – erfolgreiches Lobbying, denn weltweit folgten die Gesetz- geber ihren Einflüsterungen. So wurden technische Schutzmaßnahmen und die Aufhebung des Rechtes auf Privatsphäre vielfach in nationalen Gesetzgebungen verankert. Die Frage nach einer gerechten Verteilung der Erträge des – von erwähntem Strukturwandel bewirkten – Modernisierungsschubes wurde dabei kaum gestellt. So gibt es weltweit nach wie vor kein Urhebervertragsrecht, das Künstler vor nachteiligen Verträgen in Schutz nehmen würde. So sind die Fragen der ungerechten Verteilung im Bereich Weltmusik zwischen Nord und Süd weiterhin unbeantwortet, und so bleiben weiterhin viele Künstler zwar mit Begeisterung bei der Sache, sehen aber von dem Geld, das in ihrem Namen von den genannten Industrien eingehoben wird, kaum einen Cent.

Nun ist es Zeit, diese Themen endlich zu bearbeiten. Digitaler Musikvertrieb spielt mittlerweile eine ernstzunehmende Rolle in der Branche. Der Prozess der Globalisierung legt entsprechende Überlegungen nahe: Die WTO hat seit ihrer letzten Verhandlungsrunde die Liberalisierung kultureller Güter und Dienstleistungen auf ihrer Verhandlungsagenda, die UNESCO hat mit einer „Konvention zum Schutz und Förderung kultureller Vielfalt“ hier die besondere Schutzwürdigkeit kultureller Güter aufgrund des dualen Charakters als Handelsgut und ideeller Ausdruck kultureller Werte in ein Völkerrecht gegossen. Weltweit gibt es für viele Branchen ein „Justice in Trade Movement“, und der seit Dekaden aufgebaute Gedanke des Fair Trade im agrikulturellen Bereich ist heute genauso unbestritten wie die moralische und ethische Verantwortung in der Führung von Wirtschaftsunternehmen, wie sie sich in Corporate-Social-Responsibility-Programmen artikuliert. Es ist an der Zeit, die Marktverzerrung durch übergroße Marketinginvestitionen für einige Unterhaltungsindustrieprodukte zu Gunsten kultureller Vielfalt zu hinterfragen. Es ist Zeit zu hinterfragen, warum die reichen kulturellen Traditionen der Länder des Südens nur über westlich dominierte Musikunternehmen an die zahlungskräftigen HörerInnen im Norden gebracht werden können. Es ist Zeit zu fragen,warum in den Ländern des Südens der Zugang zu kulturellen Gütern und Dienstleistungen durch Urheberrechtssysteme noch weiter erschwert werden soll, als er es durch die ökonomischen Bedingungen ohnehin schon ist. Es ist Zeit zu analysieren, wohin die erheblichen Gelder, die auf dem weltweiten Musik-Tonträgermarkt umgesetzt werden, eigentlich fließen, und wie viele Kreative in welchen Ländern davon eigentlich profitieren. Und es ist Zeit, bewussten KonsumentInnen endlich eine Möglichkeit zu geben, sich zu diesen Fragen zu informieren, die eigentlich außerhalb des Wahrnehmungsbereichs der traditionellen Musikmedien abgehandelt werden.

Die „fair music Initiative“ wurde in Österreich von mica – music austria initiiert, einem gemeinnützigen Verein, der von der Republik Österreich zur besseren Verbreitung und für einen besseren Zugang zu Musik aus Österreich gegründet wurde. In den letzten Jahren wurden eine Reihe von internationalen NGOs und Dachverbänden der Zivilgesellschaft im Musiksektor gewonnen, um eine Kampagne für kulturelle Vielfalt und mehr Fairness in der Musikwirtschaft zu realisieren. Auch zwischenstaatliche Kultur-Agencies, wie die UNESCO oder die Europäische Union als finanzierender Partner im Rahmen des Mozartjahres 2006, beteiligen sich an dieser beginnenden Allianz, die zum Ziel hat, die Stellung der Künstlerinnen und Künstler sowie der Musikfans im Sinne einer kulturellen Vielfalt in den gegenwärtigen Modernisierungsprozessen zu stärken.Was so abstrakt klingt, ist aber sehr musiknah. Das Thema Fairness und Gerechtigkeit durchzieht die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts wie ein roter Faden. Die Emanzipation schwarzer Musiker im Jazz und Blues, die Positionierung vieler Rockbands in die Alternativen „Indy versus Major“, Punk, Hippie, Techno – für all diese populärkulturellen Erscheinungen war eine enge Verbindung von Produktionsbedingungen und musikalischem Ausdruck charakteristisch. Als Fan würde ich sogar sagen, selten gute Musik gehört zu haben, die sich nicht bewusst mit der Frage auseinandersetzt hat. Fairness und Gerechtigkeit gelten hier aber in beiden Richtungen: Als Hörer habe ich das Recht auf faire Behandlung der KünstlerInnen, die ich schätze, und gleichzeitig auch die Pflicht, mich selbst fair zu verhalten. Mit fortschreitenden legitimen Angeboten im Internet wird die Ausrede für gegen den Willen der Künstler gratis bezogene Downloads immer fragwürdiger. Was werden die nächsten Schritte der „fair music Initiative“ sein? Um die angerissenen Fragestellungen aus einem Expertenzirkel in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, wurde eine Online- Plattform gestartet, die Vorstellungen von fair/unfair, Fallbeispiele, Ideen und Impulse zur Diskussion stellt. Hier kann sich jeder/jede beteiligen, vom Fan über die/den Musikschaffende/n bis zum/r ranghöchsten PolitikerIn. „fair music awards“ werden an Unternehmen und Initiativen vergeben, die sich vorbildlich als Partner von Künstlern und HörerInnen verhalten. Trotz vieler Negativbeispiele gibt es viele echte Musikbegeisterte unter den Musikwirtschaftstreibenden, die sich mit Herzblut für ihre Musik und ihre KünstlerInnen einsetzen und ohne die es keinen Zugang zu musikalischer Vielfalt gäbe. In Stakeholder Consultations werden die Standards entwickelt, die sowohl für Musikprodukte als auch für Handelskanäle zur Anwendung kommen,um diese mit einem „fair music“-Gütesiegel auszuzeichnen. Anders als bisher kommen hier die eigentlichen Stakeholder zu Wort und nicht hoch bezahlte Lobbyisten, die in deren Namen auftreten. Konkrete Projekte, die vor allem die Ungleichheit im Zugang zu Märkten und kulturellen Gütern zwischen den Ländern des Südens und Nordens bearbeiten, sind ein nächster Schritt.

Die Debatte über den Zugang zu Musik lässt bereits viel von den Veränderungen erkennen, die auch andere Kulturbereiche erfassen. Die „fair music Initiative“ von mica – music austria und seinen Partnern ist als Vorreiter und Pilot einer viel breiteren Fair-Culture-Initiative zu verstehen. Die „Konvention zum Schutz und Förderung kultureller Vielfalt“ der UNESCO und ihr Fokus auf Kulturwirtschaft verlangen nach konkreten Umsetzungen. Die „fair culture Initiative“ versteht sich als eine solche, aus dem Geist der Zivilgesellschaft entstandene Umsetzung. Wir appellieren schon heute an die Unterstützung der zwischenstaatlichen Gemeinschaften, um dieses große Vorhaben mit Leben erfüllen zu können. Denn die vielen in Literatur und Performing Arts Tätigen, wir alle, werden einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ zwischen Künstlerinnen und Künstlern und dem Rest der Menschheit auf dem Weg in die Wissensgesellschaft der Zukunft benötigen. Es ist denkbar einfach, sich an der „fair music Initiative“ von mica – music austria mit Ideen und Vorschlägen zu beteiligen: http://www.fairmusic.net