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Ars Electronica 1999
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Recombinant 9.9.99


'Naut Humon Naut Humon

Das an Ereignissen und Entwicklungen überreiche 20. Jahrhundert nähert sich seinem Ende, und damit wird auch unsere Zeit für Reflexionen knapp. 9.9.99 stellt eines der letzten Warnsignale für Y2K vor der Jahrtausendwende dar. Recombinant illustriert diesen temporären Zustand der Unsicherheit durch die Rekomprimierung virtueller Speicherkapseln mit Realtime-Audio-Cinematics. Das Tonstudio dient als Live-Remix-Labor zur Erkundung einer flimmernden, visualistischen Domäne und verarbeitet die Klänge in eine Matrix. Recombinant erforscht aktiv die Beziehungen zwischen Underground- Computerklang-Erzeugern und ihren analogen Counterparts, den Turntablisten. Es zeichnet die Entwicklung der DJ-Kultur nach und akzentuiert dabei die von “Disk”, “Dub”, “Digital” bis hin zu “Diffusion” Jockeys (mit ihren räumlichen Projektionen mobiler Klangobjekte) übernommenen Architexturen.

Dieser neunstündige Schlusspunkt der Ars Electronica 99 spiegelt auch die Neuorientierung des Prix Ars Electronica, Kategorie Digital Musics, wider.

Sound Traffic Control (US)
STC ist ein medienbasiertes Elektronik-Konsortium aus Musikern, Klangbildhauern, DJs, Film- und Videokünstlern. Mithilfe eines AV-Systems mit Raumeffekt entsteht ein in sich verwobenes Surround-Sound-Orchester. Die in diesem Netzwerk mittels Computermischpult bearbeiteten Tonsignale erzeugen die Metapher eines Klangflughafens. Inmitten dynamischer Klangflugbahnen landet, rollt und startet “musikalische Fracht” auf einer vom Publikum bevölkerten “Rollbahn”. STC bildet die Hauptschaltzentrale der verschiedenen Recombinant-Veranstaltungen. Naut Humon, Kurator und Koproduzent dieser Events, leitet außerdem das von Francis Dhomont, Granular Synthesis und von historischen Tonaufnahmen inspirierte Remixprojekt Frankenstein Symphony Orchestra.
Mixmaster Mike (US)
Mixmaster und “Serial Wax Killer” Mike lässt Vinyl-Junkies Hören und Sehen vergehen. Als dreifacher Weltmeister und DJ-Veteran bei den Beastie Boys und Invisibl Skratch Piklz trieb er Kühnheit und Abstraktionen auf die Spitze und animierte und inspirierte so andere Innovatoren des Genres. Als der wahre “Terror-Wrist” von Zektar beweist Mike seine extraterrestrische, smarte Methode in gefährlichen, blitzschnellen Wechseln zwischen hypnotischen Electro-Funk-Wellen und Extremscratching.
Scratch Perverts (GB)
sind eine 1996 von Tony Vegas ins Leben gerufene Super-DJ-Crew aus England, die sich aus Prime Cuts, Mr. Thing, 1st Rate, Renegade und Harry Love zusammensetzt. Die Gruppe formierte sich im berüchtigten Londoner Club Mr. Bongo in Soho und nahm an zahlreichen DJ-Battle-Bewerben teil. Scratch Perverts wurden nicht nur mehrfach ausgezeichnet, sondern fanden als die neuen Wilden des Turntablism auch rasch internationale Anerkennung. Außergewöhnliche Virtuosität und Musikalität erzeugen einen einzigartigen Orkan an Ideen und Realisierungsmöglichkeiten ohne Klischees.
Powerbook Orchestra (A/D/GB/US/J)
Das Powerbook Orchestra – manchmal auch Laptop Orchestra genannt – debütierte am 1. Mai 99 beim Wiener Festival phonoTAKTIK. Anlässlich einer Solidaritätsveranstaltung wurden die Musiker mit ihren tragbaren Computern als ein Instrumentarium höchst individuell angepasster Software, die gemeinsam verarbeitet wird, eingeladen. Diese praktische Anwendung beschwört das faszinierende Szenario totaler Maschinenautomation, von multiplen menschlichen Interakteuren, die auch als Solisten agieren, gesteuert.

Am Event 9.9.99 nehmen neben einigen anderen internationalen Künstlern fast alle Musiker des Wiener Labels Mego teil:
Peter Rehberg, Christian Fennesz (beide erhielten eine Auszeichnung in der Kategorie Digital Musics, Prix Ars Electronica), Ramon Bauer, Andi Pieper, Tina Frank, Florian Hecker, Matthias Gmachl, Oswald Berthold, Gert Brandtner, Russell Haswell, Peter Rantasa, Jim O'Rourke, Stefan Betke, Marcus Schmickler, Zbigniew Karkowski.

Einzel-Acts der folgenden Künstler(gruppierungen) stehen auf dem Programm:
Pita (A), Fennesz (A), Rehberg & Bauer (A), General Magic (A), Skot (A), Farmers Manual (A), Haswell (GB), Hecker (D), Fennesz/O'Rourke/Rehberg (A/USA/GB), POP, cd_slopper (A/D), mazk (J).
The User (CDN)
ist ein aus dem Architekten Thomas McIntosh und dem Komponisten Emmanuel Madan bestehendes Künstlerkollektiv. Symphonies for Dot Matrix Printers konfrontiert den Zuhörer mit der Körperlichkeit einer ihn umgebenden, beinahe in Vergessenheit geratenen Technik. Eine Vielzahl obsoleter Büromaschinen werden in ein musikalisches Performance-System transformiert. Die LAN-Orchestrierung komplexer Druckergeräusche zu “Instrumenten” reduziert und objektiviert Individualität zu einem abstrakten, beinahe generischen Ideal. Sinn und aktueller Wert der neuesten technischen Errungenschaften werden durch die Gegenüberstellung mit ihren theoretisch bereits obsoleten Vorläufern infrage gestellt.
Thomas Brinkmann (D)
Pränatale Untersuchungen / Komposition von Wassermusik und Höhlenmalerei/ frühe Reflexionen über elektronische / minimalistische Musik, während er bei den Nachbarn klingelte. Erster Aktionismus mit Bruder Rolf Dieter (ACID). Später Studien über fucking against worms while ringing the bells (Jannis Kounellis) an der Kunstakademie Düsseldorf und über Maschinentheorie (Oswald Wiener).
Klingelt munter weiter…MMM
Richie Hawtin (CDN)
wurde durch seine Verbindung mit der Detroit/Windsor-Techno-Szene international bekannt und gibt die während seiner zehnjährigen DJ-Karriere in Übersee erfahrenen Energie direkt an seine Fans weiter. Seine DJ-Auftritte mit zwei Plattenspielern, einem Effektgerät und einem Drum-Computer mit dem Titel Decks, FX & 909 ähneln beinahe schon Liveperformances. Hawtin war auch an der Gründung des Plattenlabels Plus 8 beteiligt. Seine neue Medienfirma Minus ist auf technische Neuheiten und das Internet spezialisiert. Zahlreiche Veröffentlichungen unter seinem langjährigen Künstlernamen Plastikman, darunter Consumed, das ihm beim Prix Ars Electronica 99 eine Anerkennung in der Kategorie Digital Musics einbrachte. Die atmosphärische Qualität seines minimalistischen Zugangs zum Techno-Medium ist in diesem Genre einzigartig.
Ikue Mori (US)
zog 1977 von Tokyo nach Manhattan, begann Schlagzeug zu spielen und gründete zusammen mit Arto Lindsay und Tim Wright die bahnbrechende New-Yorker No- Wave-Band DNA, die mit ihrem radikalen Rhythmus- und Geräuschstil in der Rockmusik legendären Kultstatus erlangte. 1985 begann Mori, Drum-Computer für Improvisationen einzusetzen – ein ungewöhnlicher Schritt. Durch den Einsatz von Standardtechnik (Drumboxen etc.) entwickelte sie ihren unverkennbaren, äußerst sensiblen Stil. Sie arbeitete bisher u.a. mit John Zorn, Zeena Parkins, Fred Frith, Eyvind Kang, Kato Hideki, Kim Gordon, Tenko und der Filmemacherin Abigail Child. Im Rahmen des Prix Ars Electronica / Digital Musics erhielt Mori eine Auszeichnung für das Stück Birthday.
Barry Schwartz (US)
Das Label “Bricoleur” (Bastler oder Heimwerker) passt perfekt zu Barry Schwartz, dessen Interesse an der "Verschmelzung von Technik und Natur" auf der Idee beruht, dass die “Manipulation natürlicher Phänomene Dinge erklärt, die wir andernfalls nicht erklären könnten”. Zu gleichen Teilen Todeswunsch, Grenzwissenschaft und elektrifizierte Kunst verleiht Barrys Theater der Schocks und Stöße dem Wort “Plattenspieler” eine völlig neue Bedeutung. Seine Installation besteht aus einem überlebensgroßen, physikalischen Apparat mit Strom führenden Kabeln, rostfreien Stahlscheiben und thermoreaktive Materialien, die durch Wechselstrom entzündet werden.
Stefan Betke (D)
Pol: Knusperdub (Anerkennung beim Prix Ars Electronica 99, Digital Musics)
Otomo Yoshhide (J)
wurde 1959 in Japan geboren und arbeitet weltweit als Turntable-Spieler, Gitarrist und Produzent. Ein besonderes Highlight seiner musikalischen Karriere ist die (mittlerweile aufgelassene) Gruppe GROUND-ZERO, die 1990 – 1998 im Zentrum seines musikalischen Schaffens stand. Otomo komponierte Soundtracks für Filme aus China und Hongkong sowie für das japanische Underground-Kino. Diese Arbeiten verschafften ihm auch international große Anerkennung. Nach der Auflösung von GROUND-ZERO startete Otomo die Projekte DJ Tranquilizer, Filament und I.S.O., produzierte für das CD-Label AMOEBIC und nahm zahlreiche Remix-Arbeiten in Angriff.
Scot Jenerik (US)
ist ein in erster Linie mit den Mitteln Klang, Performance, Instrumentenbau und Sculptural Packaging arbeitender Konzeptkünstler. Jenerik kratzt, hämmert und zupft auf seinen eigens angefertigten Instrumenten “Thor” und “Volatile”. Seine Präsentation stellt eine fokussierte, physikalische Interaktion dar, die auf die Herstellung und Zerstörung eines Gleichgewichts zwischen Struktur und Chaos sowie zarten, aufwühlenden Klanghandlungen ausgerichtet ist.
Mazk (J)
besteht aus Masami Akita, einem der angesehensten Noise-Künstler Japans, besser bekannt unter dem Namen MERZBOW, und Zbigniew Karkowski, einem polnischen Komponisten zeitgenössischer Musik mit Wohnsitz in Tokyo, der eng mit der japanischen Noise-Szene zusammenarbeitet. Die ausschließlich mit Powerbooks erzeugte Musik des Duos gilt als “extreme Computer-Electronica”. In den letzten beiden Jahren zahlreiche Performances in Japan, außerdem Veröffentlichung der CD SPL beim britischen Label OR. Bei der Ars Electronica werden Mazk erstmals außerhalb Japans auftreten (Anerkennung in der Kategorie Digital Musics, Prix Ars Electronica 99).
Sam Auinger (Berlin)
Komponist/Klangdesigner, gemeinsam mit Bruce Odland Installationen für die HIVEMUSIC-Performance … rachel de boer (Amsterdam… Videokünstlerin und Gründungsmitglied der holländischen DJ-Gruppe EYEGASM) präsentieren
Linz 2 times 9 min 9 sec
Teil 1: Flugmotorenorchester
Teil 2: Hivemusic
Virtual Appearance “Modules”
Granular Synthesis (A) / Titel: FORM 1, FORM 2, FORM 3
Anerkennung an GRANULAR SYNTHESIS für Ex-Machina, Robert le Page, Kanada.
Christian Marclay
Seit 1979 widmet sich der Performer, Bildhauer und Klangkünstler Christian Marclay Experimenten, Kompositionen und Performances mit Schallplatten und Turntables. Er mixt verschiedenste Platten auf mehreren Plattentellern, indem er Klänge fragmentiert und wiederholt, die Geschwindigkeit ändert, Platten rückwärts spielt, kreiselt, wirft, scratcht und sonst wie manipuliert, zu seinem einzigartigen “Theater der gefundenen Klänge”. In den 80er-Jahren wurde Marclay, dessen extreme Plattenmanipulationen den “Turntablism” von heute zwei Jahrzehnte vorwegnahmen, zu einem der Hauptprotagonisten der neuen Musikszene in Downtown New York.
Terre Thaemlitz (US)
arbeitet seit vielen Jahren als experimenteller Klangkünstler und DJ. Seine Klangkunstwerke leben von den gegensätzlichen Funktionen der Musik als Sozialisationskraft einerseits und persönliches Ausdrucksmittel andererseits. Das hier vorgestellte Stück Superbonus entstammt dem aktuellen Projekt FagJazz, das beim diesjährigen Prix Ars Electronica in der Kategorie Digital Musics ausgezeichnet wurde. Durch die Kreuzung verschiedener musikalischer Stile hofft Thaemlitz, unsere Vorstellungen von musikalischer Universalität zu verkomplizieren, indem er die verschiedene Stile als Repräsentationssysteme sieht, deren Merkmale ohne das mit einer derartigen Spezialisierung einhergehende, strenge Übungsprogramm willkürlich eingesetzt werden.
DJ Olive (US)
Klangwart und Mitglied der Gruppe We aus Brooklyn. Bei seinen akustischen Reinigungsarbeiten stieß Olive auf zahlreiche, mit Trümmern des 20. Jahrhunderts gefüllte Müllcontainer – für diejenigen, die sich überhaupt so weit zurückerinnern können.
Carl Stone (US)
ist ein Powerbook-Komponist, der seine einzigartigen, eklektischen Klangwerke auf ausgedehnten Welttourneen in Konzerten und im Radio zur Aufführung bringt. Seine typischen elektronischen Manipulationen nehmen durch visuelle Bezüge Anleihen in der Welt des Timbre und der Samplercollagen.
Kit Clayton
lebt derzeit in San Francisco. Joshua Kit Clayton ist Produzent und DJ für elektronische Musik. Seine Musik bewegt sich meist von minimalistischem, melancholischem Techno/House hin zu abstrakten Klangskulpturen. Seit 1996 Veröffentlichungen bei verschiedenen Labels. Clayton ist Gründer des Projekts “The Mimic and the Model”, einer Reihe elektronischer Musikstücke, kombiniert mit Werken der bildenden Kunst.