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Die Memesis-Netzdiskussion


'Geert Lovink Geert Lovink

Man ist heutzutage mit der statischen Form vieler Festivals nicht mehr ganz glücklich. Obwohl das persönliche Treffen im "wirklichen Leben" nicht aufgegeben werden soll, ist es notwendig, die verfügbaren Mittel der Kommunikation einzusetzen, um den traditionellen "Einer-spricht-zu-vielen"-Konferenztyp zu verändern. Am 1. März 1996 nahm der Web-Server des Ars Electronica Center offiziell seinen Dienst auf, wodurch es uns möglich war, die "Konferenz im wirklichen Leben" um eine lebhafte Netzdiskussion in den Monaten vor der eigentlichen Veranstaltung auszuweiten. Die Idee dahinter war, eine permanente Plattform zu schaffen, die auch nach dem Festival als Ausgangspunkt für weitere Debatten fungieren sollte. Nachdem wir die verschiedenen Informationsströme strukturiert hatten, hielten wir in einer Einleitung fest, worin wir die Ziele eines derartigen Netzforums sahen:

"Wir möchten von der üblichen Form mit Podium und Vorträgen abgehen und betrachten die Zusammenkunft vom 2. bis 6. September in Linz als einen Ort, wo angelaufene Diskussionen fortgesetzt und zusammengefaßt werden können. Natürlich kann man das gesamte Konzept "Konferenz" mit all ihren Ritualen nicht so einfach über den Haufen werfen. Durch eine öffentliche Diskussion in der Vorbereitungsphase des Festivals können jedoch einige hierarchische Muster verändert werden. Daher möchten wir alle einladen, die am diesjährigen Thema und an neuen Medien ganz allgemein interessiert sind, sich an der Dis-kussion mit den Künstlern und Kritikern, die zu einer ersten Stellungnahme aufgerufen wurden, zu beteiligen."
In dieser Zusammenfassung der ersten sechs Wochen Netzdiskussion finden Sie eine persönliche, subjektive Auswahl von Zitaten aus den zahlreichen Beiträgen, die sowohl von eingeladenen Rednern als auch der am Internet angeschlossenen Öffentlichkeit geposted wurden. Die Diskussion kann sowohl im World Wide Web [http://www.aec.at/meme/symp] als auch per E-mail durch Eintrag in die Mailing-Liste verfolgt werden.

Die Netzwerkdiskussion zum diesjährigen Thema "Memesis" wurde am 15. April 1996 mit zwei Texten, in denen die Diskussionsziele dargelegt wurden, eingeleitet. Ich als der Moderator begann mit folgenden Worten:
"Derzeit gibt es noch kaum Erfahrungen und Kenntnisse bei der Orchestrierung von öffentlichen Technologiedebatten im Netz. In diesem Stadium verlassen wir die Ära der Einführungen in die Natur und Implikationen neuer Technologien [sowie der Rolle von Künstlern in diesem Prozeß] und finden uns inmitten von Kontroversen über Urheberrechte, Privatsphäre, Normenstreitigkeiten, kulturelle Voreingenommenheit, Zensur und andere "alte Muster" in "neuen Medien" wieder."
In den letzten Jahren hatten die Künstler scheinbar harmlose Vorstellungen, die ihren Ursprung in Physik und Biologie hatten [Chaos, Virus, künstliches Leben]. Auch der Cyborg hat einen ähnlich wissenschaftlichen Hintergrund. Eine Diskussion so viele Monate im voraus zu beginnen, war der Versuch, den alten Konsens der Pioniere niederzureißen und zu zeigen, daß mediale Kunstfestivals wie die Ars Electronica mehr als bloße Fachmessen für computer-bezogene Kunstkonzepte sein sollten. Das Netz schien das geeignete Werkzeug zum Beleben der statischen Form von Konferenzvorträgen zu sein. Das Memesis Statement von Gerfried Stocker sollte den Diskussionsprozeß in Gang bringen, "verschiedene Ansätze zum Thema stimulieren und die Meinungen polarisieren". Das Ziel war nicht, neue Utopien zu träumen, sondern ein kritisches und reflektiertes Herangehen an die aktuelle Situation mit ihrem neuerlichen Versprechen, daß vielgerühmte Zukunftsvisionen wahr würden, zu entwickeln.

Um dies zu erzielen, bezog das Memesis Statement bewußt provokante Positionen:
"Komplexe Werkzeuge und Technologien sind ein integraler Teil unserer evolutionären "fitness". Auf fundamentale Weise ist menschliche Evolution unentwirrbar mit technologischer Entwicklung verbunden, kann nicht von ihr getrennt betrachtet werden. Die Menschheit co-evolviert mit ihren Artefakten; Gene, die dieser neuen Realität nicht gewachsen sind, werden das nächste Jahrtausend nicht überleben."
Lassen Sie mich die darauffolgende Diskussion in chronologisch ungeordneter Reihenfolge wiedergeben. Richard Barbrook nahm das Manifest wörtlich und entgegnete mit ähnlicher Schärfe:
"Die größte Schwachstelle des Memesis Statement liegt in dessen vertrackten biologischen Analogien. Die Entdeckung der Evolution war einer der intellektuellen Schlüsselmomente in der Entwicklung der modernen Gesellschaft. Durch eine rationale Erklärung der Abstammung des Menschen entzog sie den Offenbarungsreligionen die intellektuelle Basis. Es führt jedoch zu Problemen, wenn eine Verbindung in die andere Richtung hergestellt wird, wenn die Evolution der Natur als Erklärung für die Entwicklung der Gesellschaft herangezogen wird. In diesem Jahrhundert wurden Millionen von Menschen in Gaskam-mern gesteckt, weil man glaubte, sie hätten "Gene, die […] nicht gewachsen wären", wie es im Memesis Statement zum Ausdruck kommt."
Der Brüsseler Memforscher Francis Heylighen antwortete auf diese Kritik folgendes:
"Hitler war Christ, also führt Religion in die Gaskammer. Stalin war Atheist, also führt auch Atheismus zur Vernichtung, etc. Nur weil einige eine Idee mißbraucht haben, beweist das jedenfalls nicht, daß die Idee falsch oder schlecht ist."
Heylighen befaßt sich dann eingehender mit dem Begriff "Evolution":
"Das Kernstück an der Idee der Meme ist, daß die Evolution sich nicht mehr auf Gen-Ebene, sondern auf kultureller Ebene abspielt. Die Tatsache, daß Meme nach den Prinzipien von Variation und Selektion evolvieren, also sehr ähnlich den Darwin’schen Evolutionsprinzipien für Gene, führt deswegen noch lange nicht zum Sozialdarwinismus im alten Sinne."
Douglas Rushkoff ["nur ein Amerikaner, der wahrscheinlich viel zu viel ferngesehen und etwas zu viel Zeit online verbracht hat"] stimmt mit dem "negativen Getue um Meme" nicht überein:
"Das Ganze geht in Wirklichkeit auf eine tief im Menschen verwurzelte Angst zurück. Wir fürchten anscheinend, daß wir, auf uns allein gestellt, einander vergewaltigen und ausplündern. Der unkontrollierte Mensch, so warnen vorsichtige Sozialtheoretiker, drängt unaufhaltsam in Richtung Faschismus. An den Hochschulen wurde Sozialwissenschaftlern beigebracht, daß die Massen zu dumm seien und sich zu leicht in Richtung einer so destabilisierenden Sozialpolitik wie den Nationalsozialismus lenken ließen, weshalb sie von einer aufgeklärten Elite angeführt werden müßten. Für sie ist die Gesellschaft ein Ozean, den man bändigen muß; sie erkennen nicht, daß ihre Sozialtheorien nur provisorische Stopfen in einem Damm sind, der der Flut niemals standhalten wird. Wie die bedauernswerten Sozialtheoretiker entwickelten sie ihre eigenen Techniken zur Bewußtseinskontrolle. Ihrer Meinung nach ist der Mensch in seinem Innersten ein Sünder. Ließe man uns frei herumlaufen, würden wir zwangsläufig unseren niedrigsten Begierden nachgeben."
Geht es nach Rushkoff, dann zielt das Internet auf die Förderung eines globalen Bewußtseins. Die Evolution zieht nicht immer ein bestimmtes Individuum anderen vor.

"Wer Meme und Evolution fürchtet, fürchtet in Wahrheit nur den Fortschritt. Deshalb hassen so viele beredte Sozialtheoretiker uns Pro-Internet-Utopisten der kalifornischen Schule. Wenn wir versuchen, die Übertragung von Memen durch die Kultur zu bremsen, werden wir mit Sicherheit dahinwelken und verrotten wie die durch übermäßige Inzucht geschwächten Königsfamilien vergangener Tage. Aber ich glaube, ich sollte mir keine Sorgen machen. Die Anti-Evolutionisten stehen auf verlorenem Posten. Da ihre Meme letztendlich nur sozialen Verfall weitergeben, werden sie auf lange Sicht unweigerlich vom Erdboden verschwinden."

Wie lautet Richard Barbrooks Antwort? Wir wissen es noch nicht. In seiner ersten Kritik meint er:
"Es ist genau diese Weigerung, unsere biologische Bestimmung anzunehmen, die uns zu mehr als Insekten macht. Im Gegensatz zu anderen Tierarten können wir uns durch Gedanken und Handlungen selbst verändern."
Wenden wir uns aber wieder Barbrooks "fundamentaler" Kritik am Memesis Statement zu:
"Wenn sich Meme "selbst replizieren", was machen die Menschen in der Zwischenzeit? Wir sind nicht die blinden Objekte von Genen oder Memen. Wir sind die Subjekte der Geschichte, auch wenn wir es uns nicht immer aussuchen können. Das Netz wurde von Menschenhand geschaffen. Jemand muß die Straßen aufgraben, um die Glasfaserkabel zu verlegen. Jemand muß die Software schreiben, damit Menschen das Netz nützen können. Ohne menschliches Handeln ist das Netz lediglich eine unbewegliche Masse aus Metall, Plastik und Sand. Wir sind die einzigen Lebewesen im Cyberspace."
Das Memesis Statement wiederum behauptet:
"Meme beschreiben als Analogie zu den biologischen Grundelementen, den Genen, kulturelle Informationseinheiten, kognitive Verhaltensmuster, die sich durch Kommunikation verbreiten und replizieren. Vom "Bioadapter" der Sprache als Proto-meme zur "infosphere" der globalen Netzwerke als ultimatives Habitat für den menschlichen Verstand."
Richard Barbrook glaubt nicht an eine autonome Entität innerhalb der Technologie.

"Das Memesis Statement betrachtet Maschinen und Informationen als autonome Dinge außerhalb unserer Kontrolle. In Wahrheit sind sowohl Technologie als auch Kultur Ausdruck sozialer Beziehungen zwischen einzelnen Menschen. Es ist menschliches Handeln, das sich in Maschinen und Informationen kristallisiert, es sind nicht die Meme, die "Massenkristalle" generieren. Eine der zentralen Fragen der Moderne läßt das Memesis Statement völlig außer acht: Wie werden die Früchte der Arbeit zwischen den einzelnen Gruppen, die an der sozialen Produktion von Maschinen und Informationen mitwirken, aufgeteilt? Tja, die Sozialfragen sind heutzutage ja so out …"

Tom Sherman betont auch den sozialen Aspekt des Technologieeinsatzes. Er arbeitet an der School of Art & Design in Syracuse im Bundesstaat New York, schreibt also aus "einer ausgebrannten, völlig veralteten Industriestadt im "Rust Belt" [dem "Ruhrpott" der USA] im Nordosten Amerikas" und berichtet von den Vorkommnissen um ihn herum:
"In den Speisesälen der Fabriken oder den Cafés am Campus ist heutzutage kaum von evolutionären Analogien die Rede. Man spricht über das Überleben und wie hart die Welt geworden ist. Menschen gehen Beziehungen mit Maschinen ein, aber nicht unbedingt deswegen, weil sie sich angezogen fühlen, sondern weil sie verzweifelt versuchen, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten und/oder zu bleiben, vor allem mit jenen, die zu ihrem Überleben beitragen können."
In diesem Zusammenhang wird das Web für Sherman eine "elektronische Talentedatenbank oder ein Tourismusbüro, voll mit Lebensläufen und Broschüren und Karten." Er vergleicht diese "Index-Domaine" mit einem heutigen modernen Büro:
"Gleiche Software, gleiche Informationsbearbeitungsmethoden, jedoch ohne regelmäßiges Einkommen, ohne Krankenkasse, ohne soziales Sicherheitsnetz. Das Web ist das Büro für Freiberufler. Künstler, diese gefährdete Art, sitzen am Tisch und sehen wie Büromitarbeiter aus, telependelnde Heimbürokräfte, wenn sie mit/über Computer verbunden sind. Sie sind die neuen Industriearbeiter."
Einige Wochen später schreibt Sherman weiter:
"Da wir uns um alles in der Welt selbst definieren wollen, versuchen wir herauszufinden, welche Meme in bestimmten technologischen Räumen am besten funktionieren. Wir nehmen verdammt noch einmal jedes Mem an, bloß weil es in einem System floriert. Wir genießen es offensichtlich, in evolutionären Analogien zu schwelgen, spielerisch kräftige Ansichten über die Verantwortung des Geistes gegenüber dem Körper auszutauschen, uns zu fragen, ob unser Memvorrat stagniert, expandiert oder kollabiert und die kulturellen Ruinen des Silicon Valley zu besuchen und auf den Müll zu kippen."
Der Wiener Philosoph Herbert Hrachovec bezieht sich in seinem Beitrag auf Kathryn Bigelows Film Strange Days, wenn er meint:
"Kognitive Verhaltensmuster, die sich durch Kommunikation vermehren und replizieren, wurden "Topoi", "Gewohnheiten" oder "Klischees" genannt. Man betrachtete sie als soziale Konstanten, die bis auf marginale Änderungen stabil waren. Diese Eigenschaft geht in der Diskussion um "Meme" verloren. Sie scheinen wissenschaftliche Konstrukte zu sein, die wie Zellgewebe behandelt werden können."
Ein Bericht von den Straßen von San Francisco, verfaßt von Arthur und Marilouise Kroker, schneite herein. Für sie sind, in Anlehnung an das Lied Me and Bobby McGee, "Meme just another word for nothing left to [digitally] lose" und in der "Ars California" sind Worte immer zu langsam."

"Memetisches Fleisch? Das ist bestimmt nicht nur eine soziologisch rhetorische Frage über Evolution oder Devolution, sondern etwas völlig anderes. Es ist weder Zukunft noch Geschichte, sondern die molekulare Gegenwart, eine gesetzlose Zone, deren Grenzen verschwimmen und wo Meme sich in Gene falten. In SF haben Meme die Kunstakademie hinter sich gelassen, werden zur Massenkultur des 21. Jahrhunderts. Memetik als Alltag in Cyber-City, jenem Ort, wo sich der Techno-Zukunftsvirus seinen Weg unter der Haut gräbt, wie ein Juckreiz oder eine Wunde oder ein virales Mem, die einfach nicht abheilen wollen."

Sie entdecken die "Kunst der schmutzigen Meme", eine inoffizielle Kunstform außerhalb der Gesetze, die in versteckten Lagerhäusern, Ladengalerien und Ghettoschulen praktiziert wird. "Schmutzige Meme? Das passiert, wenn memetische Technologie in die Straßen von Cyber-City entkommt und deren Dunst von Viruskünstlern aufgegriffen wird. Memetische Kunst in den Straßen von SF ist weder technotopisch noch technophobisch, sondern immer schmutzig, Meme werden immer gegen Gene gerieben, klicken immer in [unser] memetisches Fleisch."

Etwas später liefern die Krokers ein digitales Postskriptum nach:
"Memetisches Fleisch bedeutet, daß unter dem unerbittlichen Druck des Willens zur Virtualität die Grenzen zwischen Memen und Genen, zwischen Kultur und Biologie, durchlässig, flüssig, verspiegelt und in jedem Moment reversibel werden. Memetisches Fleisch entspricht dem "verängstigten Mem". Bis heute war die Debatte zum Ars Electronica Symposium nur eine Rekapitulation des klassischen Modernismus. In der Tat bringen die Diskussionen, die frühere Debatten zwischen Techno-Mystizismus und Techno-Realismus auf der Ebene von memetischer Technologie recyclen, die stehenden Gewässer der Moderne nicht in Bewegung, da sie lediglich die Unmöglichkeit des Ausbrechens aus dem Kreislauf von Hyper-[memetischem] Idealismus und Hyper-[sozialem] Realismus untermauern. Ein schönes Museum des modernen Geistes. Memesis als Mimesis."
VNS-Matrix, eine cyber-feministische Gruppe, senden ihr Bitch Mutant Manifesto, Befehlszeilenpoesie für verführte On-Liner und Digitalsüchtige:
"Read only my memories. Lade mich in Deine pornographische Phantasie. Schreibe mich. Wir sind dieser bösartige Tumor, der Dein System befallen hat, während Du schliefst. Wachst Du auf, terminieren wir Deine digitalen Vorstellungen, entführen Deine makellose Software. SUCK MY CODE. Die Grenze ist NO CARRIER, der plötzliche Schock, keinen Anschluß zu bekommen, sich nach einer Berührung auszustrecken, doch die Haut ist kalt […] Ich werde zum Feuer. Flame me, falls Du es wagst."
Währenddessen haben verschiedene Teilnehmer auf das Memesis Statement und Richard Barbrooks Kritik reagiert. Simon Penny antwortet auf das ursprüngliche Memesis Statement:
"Die Menschheit hat sich NICHT mit ihren Artefakten in irgendeiner biologischen Weise mitentwickelt. Das Überleben bis ins nächste Jahrhundert hängt nicht so sehr davon ab, ob die Gene "mit den […] Artefakten" co-evolvieren, sondern ob sie die Effekte dieser Artefakte überleben können. Die "Zukunft der Evolution" als quasi-biologische Evolution wird nur durch die krebsartige Ausbreitung einer bestimmten Spezies, des homo sapiens, in Frage gestellt."
Er ermahnt uns zweimal nachzudenken, bevor wir unsere Zelte draußen im Netz aufschlagen. Globale Netzwerke als das "ultimative Habitat für den menschlichen Verstand?"

"Es erstaunt mich, daß die rhetorische Abhandlung einer "Transzendenz durch das Netz" nicht schon vor einem Jahrzehnt einen schnellen Tod gestorben ist. Erkennt denn niemand, wie altmodisch und rückschrittlich diese Vorstellung ist? Es ist nur eine Facette in der allgemeinen Diskussion gegen den Körper, die ein beständiges Merkmal westlicherPhilosophie und christlicher Theologie ist. William Gibsons Cyberpunks verkündeten, der Körper sei "Fleisch" und übersahen dabei, wie sehr diese Ansicht der des Hl. Augustinus ähnelt."

Robert Adrian [Wien] kommentiert ebenfalls die "moderne" Vorstellung von Evolution, wie sie im Memesis Statement dargelegt wird. Es könnte ebensogut die Evolution anderer Menschen sein, nicht unsere …

"Evolution wird als Einbahnstraße gesehen […] immer besser, immer toller. Doch die Idee hinter der Evolution ist nicht "Fortschritt", sondern Anpassung. Das heißt, eine Spezies kann für eine bestimmte Umwelt bestens ausgestattet sein, ist aber völlig hilflos, sobald sie sich ändert […]. In der Zukunft könnte die Welt für Gesellschaften mit hohem Energiebedarf ein ziemlich ungemütlicher Flecken werden. Möglicherweise überleben nur die elektronisch bestausgestatteten Meme/Gene das nächste Jahrtausend. Das heißt, die Mitglieder der elektronischen Herrenrasse. Es gibt allerdings nicht sehr viele Beweise für die Annahme, daß die industrielle Gesellschaft diese Technologie, nur weil sie sie geschaffen hat, auch besitzt."

Der Künstler Perry Hoberman ist mit diesem "Zerstörungsderby" nicht sehr glücklich. Geht es nach Hoberman, so "war das Memkonzept derart extremen Mutationen ausgesetzt, daß dessen Nachkommen beinahe nicht mehr zu erkennen sind." Daher führt er zwei "mißgebildete mutierte memetische Kinder", das "Lebensmem" und das "Hochstaplermem", in die Diskussion ein.

"Das Lebensmem ist mit der Rhetorik [Starken] Künstlichen Lebens bzw. Künstlicher Intelligenz und der staunenmachenden Vorstellung globaler Netzwerke gekreuzt und erreicht sowohl Autonomie als auch Bewußtsein. Das Hochstaplermem wiederum kann einfach nicht genug kriegen und hat sich ziemlich jede soziale Krankheit des 20. Jahrhunderts zugezogen. Als Strohmann für Sozialdarwinismus und Endlösungen sind das Lebensmem und das Hochstaplermem gute und böse eineiige Zwillinge."

Hoberman schlägt vor, wieder zu der von Richard Dawkins in Das egoistische Gen geprägten Definition von Memen zurückzukehren.

"Das Mem wird dort weder als Konstruktionseinheit für ein letztlich autonomes Reich, das die biologische Evolution ersetzt, noch als Implikator dafür, daß Richtung und Entwicklung der menschlichen Kultur uns völlig aus der Hand geglitten sind, dargestellt. Das Mem wird, analog den Genen, stattdessen als Einheit kultureller Übertragung postuliert. Wenn wir schon einen Begriff verwenden, dann sollten wir auch dessen Bedeutung kennen."

Roy Ascott ist der Ansicht, daß Meme als Metaphern zu verwenden sind. Es liegt jedoch keine Wahrheit in Metaphern. Ascott verfolgt dabei einen "pragmatischen Ansatz".

"Nützt dem Künstler die Metapher des Mems? Ja. Nützt dem Künstler die Vorstellung eines Mem-Raums als eine Art kollektiver Intelligenz, eine Gedankengemeinschaft? Ja. Alles gemeinsame Tun in der Kunst basiert auf der Idee eines gemeinsamen Bewußtseins. Es ist jenes Be-wußtseinsfeld, das Künstler heute erforschen möchten. Das telematische Bewußtsein stellt die Gelegenheit und die Herausforderung für die Kunst dar, die sich von der bloß oberflächlichen Erscheinung der Welt weiterbewegt. Doch können wir behaupten, eine memetische Ästhetik ersetze die alte mimetische Kunst? Das hängt davon ab. Hinsichtlich der alten biologischen Prozesse der Kognition hat die Mem-Metapher das Nachsehen. Jedoch im post-biologischen Kontext erlangt die Mem-Metapher, die durch die menschlichen Prozesse der Cyberzeption assimiliert, transponiert, transportiert und transformiert wird, eine nicht zu vernachlässigende Stärke."

Als einer der letzten in dieser "ersten Runde" der Netzdiskussion spinnt Mauel DeLanda die Idee der "nicht-generischen Replikatoren" weiter. Darin kritisiert er Dawkins:
"Dawkins wählte den Begriff "Mem", weil er als Replikationsart die Imitation im Kopf hatte. Doch Klänge, Bedeutungen und syntaktische Konstruktionen der menschlichen Sprache [sowie die meisten anderen Replikatoren wie Verträge, Gesetze usw., die menschliche Gesellschaften erst funktionieren lassen] sind keine Entitäten, die sich durch "Imitation" replizieren, sondern institutionalisierte Normen, die sich durch "obligatorische Wiederholung" replizieren. Ich persönlich würde den Begriff "Mem" lediglich auf "Verhaltens"-Muster anwenden, die durch Imitation weitergegeben werden, wie etwa Vogelgesang oder der Werkzeug-gebrauch bei Affen oder Modeerscheinungen und Marotten bei Menschen."
Außer Replikatoren gibt es aber laut Delanda auch Interakteure: Enzyme in der Biologie und "Sprechakte" in der menschlichen Gesellschaft. Er ermahnt uns, präzise zu sein und Begriffe wie "Mem" wörtlich und mit der nötigen Sorgfalt zu verwenden.

"Sofern wir zwischen Replikatoren und Interaktoren im nicht-biologischen Umfeld nicht genau unterscheiden, riskieren wir, bloß in Metaphern zu verfallen. Nicht, daß Metaphern nutzlos wären, ganz und gar nicht. Doch was Dawkins minutiös herausarbeiten möchte, ist, daß die Beziehung zwischen Memen und Genen keine metaphorische Analogie, sondern eine "tiefe Isomorphie" ist."

P.S. Während dieser Text für die Veröffentlichung vorbereitet wird, möchte der Moderator die Diskussion auch auf die anderen im Memesis Statement angeschnittenen Themen lenken: Cyborg-Theorie und Media Memory.