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Ars Electronica 1986
Festival-Programm 1986
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Festival 1979-2007
 

 

Ausstellungsprojekt "Die Zauberer der Erde"


'Jean-Hubert Martin Jean-Hubert Martin

Der Begriff Kunstwerk ist eine spezifische Erfindung unserer Kultur, viele Gesellschaftsformen kennen ihn nicht. Trotzdem werden in anderen Kulturkreisen nicht weniger visuelle und statische Gegenstände geschaffen, deren wesentliche Eigenschaft es ist, Sammelbecken des Geistes zu sein. Dieses geistige Potential prägt genausogut geheiligte oder magische Gegenstände wie unsere Kunstwerke; daher scheint es mir wichtig, es hervorzuheben. Zu viele künstlerische Aktivitäten sind heutzutage auf eine intensive Produktion gerichtet, die die eigentlichen geistigen Werte langsam verwischt.

Eine große Ausstellung könnte Künstler aus der ganzen Welt einander gegenüberstellen, Künstler, die nicht nur aus den entwickelten kapitalistischen Ländern stammen. Die Künstler könnten dort als Individuen präsentiert werden, die natürlich ihre Kultur vertreten, nicht aber einen Staat oder eine Nation. Das Projekt wird in vollkommener Unabhängigkeit gegenüber den nationalen oder internationalen offiziellen politischen Kreisen realisiert werden. Dies wird die erste richtige internationale Ausstellung sein, die von einem Organisator entworfen wurde.

A priori wird keine formale Grenze gezogen sein, die Wahl kann mit der größten Öffnung des Geistes (und des Auges) und dem größtmöglichen Wissensdurst getroffen werden. Das Ergebnis sollte zu einer großen, formalen Heterogenität führen. Es geht nicht darum, sich auf die Suche nach einer allgemeingültigen Schönheit zu machen, sondern ganz in Gegenteil darum, die Verschiedenheit und die Unterschiede zwischen Individuen und Kulturen im Rahmen einer Aktivität hervorzuheben, die auf gleichen oder ähnlichen Motivationen beruht.

Einer der eindeutigsten Gegensätze besteht für die Ausstellung im Unterschied zwischen Stammeskunst und individueller Kunst, der sich außerdem noch mit der Polarisierung zwischen ländlicher und städtischer Kunst überschneidet. Dieser Gegensatz wird eine der Hauptkräfte der Ausstellung sein. Er wird auf den ersten Blick nur im Falle der Dritten Welt hervorstechend sein, es scheint jedoch auch immer interessanter zu werden, ihn in unserer Welt anzuwenden. Es besteht tatsächlich ein großer Unterschied zwischen den tollwütigen Produzenten, die Ausstellung an Ausstellung reihen, und jenen, die mit einem gewissen Abstand gegenüber der frenetischen Begeisterung in den Metropolen ihrer Arbeit nachgehen. Die Werke entstehen in verschiedenen Rhythmen, nach verschiedenen Begriffen von Zeit

In Anbetracht dieser Faktoren und der enormen kulturellen Vielfalt ist es äußerst heikel, Kriterien aufzustellen. Diese müssen vielfältig und elastisch genug sein, um unüberlegte Ausschlüsse zu vermeiden. Hier sind nun einige davon:

  • die Radikalität: die Ideen müssen bis in die extremsten Konsequenzen verfolgt und wiedergegeben werden.

  • der Sinn für Abenteuer und Gefahr müssen den Sinn für Ästhetik und Form übertreffen

  • die Originalität im Verhältnis zum kulturgeschichtlichen Umfeld

  • die Erfindung im Sinne einer neuen Interpretation des Realen, so wie in der Wissenschaft.

  • die Übereinstimmung des Menschen mit dem Werk. Dies ist der Grund dafür, daß jeder Künstler an seinem Arbeitsplatz, in seinem Atelier angetroffen werden muß.

  • der Mut zur Opposition und zur Resistenz gegenüber dem Umfeld von seiten eines einzelnen oder einer Gruppe (kulturelle Minderheit).
In einer ersten Phase der Auswahl der westlichen Künstler wird das Hauptaugenmerk auf jene gerichtet, die ein wirkliches Interesse für nicht westliche Kulturen bereits bewiesen haben:
Einige verbrachten oder verbringen längere Zeit in den Stämmen. Und dann gibt es Künstler, die aus anderen Kulturkreisen stammen und in unseren Ländern leben. Diese beiden Gruppen von Künstlern könnten äußerst interessante Meinungen in die Diskussionen einbringen und uns helfen, unseren Forschungen eine bestimmte Richtung zu geben. Es wäre möglich, ohne jedoch notwendig zu sein, daß diese Kontakte zu Gemeinschaftsarbeiten führen, oder aber auch zu "Dialogen" aus Harmonie und Kontrapunkt.

Bei der Suche außerhalb der entwickelten, kapitalistischen Länder werden von Anfang an all jene Künstler ausgeklammert, die zu sehr westlichen Einflüssen unterlegen sind, sowie auch die Serienproduktionen für Flughafenboutiquen. Es ist vorstellbar, daß viele der Werke an Ort und Stelle in Paris realisiert werden. Dies hat den Vorteil, daß es den Teilnehmern vielleicht die Möglichkeit gibt, auf die Veränderung des kulturellen Umfelds zu reagieren und mit Hilfe ihrer eigenen, gefühlsmäßigen Auffassung von Paris ihr Werk diesen neuen Gegebenheiten anzupassen. Die große Chance dieser Ausstellung liegt in der Möglichkeit einer Konfrontation der Künstler, das heißt von Individuen aus der ganzen Welt. Trotzdem gehört jeder zu einer Kultur, deren Tradition er verfolgt und sie dabei erneuert.

Diese Künstler werden jedoch nicht als Vertreter von Nationen ausgewählt und gezeigt, die durch sie ihre kulturelle, wirtschaftliche oder politische Macht demonstrieren. Es ist ganz im Gegenteil die Begegnung von schöpferischen Individuen der ganzen Welt, die alle für das geistige Leben arbeiten.

Alle Künstler werden daher in gleichem Maße dargestellt. Um die bei den Journalisten so beliebten kleinen nationalistischen Fehden zu vermeiden, wird jeder Künstler mit drei Grundinformationen vorgestellt: Geburtsland, Land des Wohnsitzes und Staatsbürgerschaft (Paß). Ich wäre nicht überrascht, viele Künstler zu finden, deren 3 "entrées" verschieden sind.

Eines der größten Probleme ist jenes des kulturellen Umfeldes und dessen fast vollkommene Unkenntnis seitens des Besuchers. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, darauf entweder in der Ausstellung, neben der Ausstellung oder im Katalog einzugehen. Allerdings ist der durchschnittliche Informationspegel des Publikums in den letzten Jahren dank Überseereisen und Medien, vor allem dem Fernsehen, weit gestiegen.

Die Werke müssen jedoch unter Berücksichtigung dieses Faktors ausgewählt werden. Sie müssen eine genügend große Menge visueller Informationen beinhalten, um vom Besucher verstanden zu werden, und sei es auch nur teilweise.

Die Innenarchitektur der Halle de la Vilette wird so gestaltet werden, daß verschiedene Räume geschaffen werden, die in gewissen Fällen den Besucher zur Stille oder zur Betrachtung anregen. Die Formgebung der Räume und ihre Anpassung an die gezeigten Werke wird Gegenstand besonderer Sorgfalt sein.

Diese Ausstellung wird, wie man sieht, viele Fragen mit sich bringen, die manchmal schon theoretisch aufgeworfen wurden. Hier wird dies in Realität und Praxis geschehen. Theorie und Pragmatismus müssen einander das Gleichgewicht halten und ihren Widerspruch in der Existenz der Ausstellung selbst lösen.