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Ars Electronica 1980
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The Well-Temperated Synthesizer


'Wendy Carlos Wendy Carlos

"Mit diesem Werk wurde die Schleuse geöffnet, hinter der sich die elektronische Musik bislang staute. Nun kann sie nichts mehr halten", schrieb einst das angesehene Fachblatt "High Fidelity". Das "Werk" erschien 1968 und hieß "Switched-On-Bach", gespielt von Wendy Carlos. Die Amerikanerin machte mit dieser Platte den ersten Schritt in die Welt der elektronischen Musiziertechnik. Das von ihr, auf dem von Robert A. Moog im Jahre 1966 entwickelten Synthesizer, gespielte Epos wurde zum Dauerbestseller der E-Musik-Branche. In fantasievoller Auslegung der Original-Bach-Partituren nutzte Carlos die vielfältigen Schaltungsmöglichkeiten des Synthesizers, um den künstlichen Barock-Klängen eine mit konventionellen Instrumenten nicht zu erreichende Brillanz und Plastizität zu geben. "Switched-On-Bach" wurde bis heute mehr als zehnmillionenmal verkauft. Die "New York Times" sprach von der "wichtigsten Klassik-Neuerscheinung seit vielen, vielen Jahren", der renommierte Bach-Interpret Glenn Gould rief das Synthesizer-Werk zur "Platte des Jahrzehnts" aus.

Wendy Carlos wurde am 14. November 1939 in dem amerikanischen Ministaat Rhode Island geboren. Schon früh befaßte sie sich mit Musik. "Mein Vater malte mir eine Klaviertastatur auf eine Rolle Verpackungspapier", erinnert sich die Künstlerin, "darauf übte ich die ersten Akkorde. Auch wenn ich nichts hören konnte, erlangte ich doch eine gewisse Fingerfertigkeit, die mir später sehr zur Hilfe kam." Das erste Instrument war dann ein Spinett. Wendy Carlos: "Mit sechs Jahren beherrschte ich diesen wundervollen Klangkörper. Ich nahm zusätzlich Klavierunterricht, lernte die Sprache der Musik kennen." Bis zum Alter von vierzehn spielte sie Chopin und Liszt, etwas Beethoven und Bach. Die Eltern ermöglichten ihr außerdem den Unterricht bei einem Pop-Pianisten, so daß Wendy Carlos auch auf diesem Sektor wertvolle Erfahrungen sammeln konnte.

Trotz dieser musikalischen Ambitionen und Fähigkeiten begann Wendy Carlos auf der Brown-Universität in Rhode Island ein Physik-Studium. Die ersten beiden Jahre waren wenig erfolgreich. Das änderte sich erst, als sie Musik zum Hauptstudiumsfach erkor. Die Kombination dieser beiden Fächer machten Wendy Carlos den Eintritt in die elektronische Musik leicht. Auf der New Yorker Columbia-Universität, die zu den Pionierstätten der elektronischen Musikforschung zählt, holte sie sich die ersten Anregungen zu den später so erfolgreichen Sound-Experimenten.

Die erste Montage mixte die Studentin sich aus den Hertztönen einer Hifi-Platte, selbstaufgenommenen Klaviersaitengezupfe und eigenem a-capella-Geschrei zusammen. Als Wendy Carlos die Universität verließ, hatte sie drei Staatsexamen, in Physik, Musik und Kompositionslehre, im Gepäck. Schon 1963 hatte sie Robert A. Moog getroffen. Es war auf einer Ausstellung der AES (Audio Engineering Society) in New York gewesen. Das erste Zusammentreffen entlockt Wendy Carlos auch heute noch ein Lächeln: "Robert sollte einen Vortrag über den Voltage-Controlled-Filter halten. Doch niemand war gekommen. Als ich schließlich den Saal betrat, fand ich Robert schlafend auf seinem Vortragsstuhl." Zwischen den beiden entwickelte sich sofort ein inniges künstlerisches Verhältnis. Man begann gemeinsam den riesigen "Moog III" zu entwickeln, auf dem Wendy Carlos dann das epochemachende "Switched-On-Bach" aufnehmen sollte. Auch die Platten nach diesem Erstlingswerk wurden Erfolge: "Well-Tempered Synthesizer", "Clockwork Orange" (die Filmmusik zu dem berühmten Film von Stanley Kubrick), "Switched-On-Bach II" und "Sonic Seasonings". Das letztere Werk ist eine Realisation "einer Filmmusik ohne Film", wie die englische Musikzeitschrift "Melody Maker" befand. Es ist das abstrakte Stimmungsbild der vier Jahreszeiten in einer Mischung aus tricktechnisch aufgearbeiteten Naturgeräuschen und behutsam hinzuimprovisierten Schwebeklängen. Zu diesem Doppelalbum sagt Wendy Carlos: "Sonic Seasonings erinnert an die Klangfülle der großen Bruckner-Symphonien. Genau wie bei den Werken des großen Meisters kann man sich nicht hundertprozentig auf einzelne Passagen konzentrieren, sondern muß das Gesamtwerk langsam bis tief ins Unterbewußtsein in sich hineinfließen lassen."

Wendy Carlos hat gerade eine neue Platte mit Bachs "Brandenburgischen Konzerten" aufgenommen. Außerdem schrieb sie die Filmmusik zu Stanley Kubricks jüngstem Werk "The Shining". Die Künstlerin interessiert sich außer für Musik für Fotografie, Zeichnen, Literatur, Schwimmen und Astronomie. Sie ist seit einiger Zeit Präsidentin der Trans Electronic Music Productions und lebt in New York.