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Prix2007
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich
 


ANERKENNUNG DES BEITRAGES ZUM WISSENSFELD
Zero Comments
Geert Lovink


[…] Jenseits der Intervention

Laut Henk Oosterling herrscht in der Informationsgesellschaft Interpassivität. Browsen, Beobachten, Lesen, Warten, Denken, Löschen, Chatten, Überspringen und Surfen sind die Standardzustände des Online-Lebens. Sich voll einzulassen, gilt als verrückt. Wir bleiben lieber cool. Kennzeichnend für Netzwerke ist das gemeinsame Gefühl eines Potenzials, das man nicht unbedingt umsetzen muss. Millionen Antworten aus aller Welt würden jedes Netzwerk, unabhängig von seiner Architektur, zum Einsturz bringen. In jedem Netzwerk gibt es durch Ausbrüche von Interaktivität unterbrochene lang anhaltende Phasen von Interpassivität. Netzwerke fördern und reproduzieren lockere Beziehungen – diesem Umstand sollten wir besser klar ins Auge schauen. Es sind hedonistische Maschinen für promiske Kontakte. In vernetzten Multituden entstehen temporäre, voluntaristische Formen der Zusammenarbeit, die über das Zeitalter des Disengagements hinausgehen, es aber nicht unbedingt überschreiten.

Der Begriff organisierter Netzwerke ist gut brauchbar für strategische Zwecke. Nach einem Jahrzehnt taktischen Mediengebrauchs ist es nun Zeit für eine Erweiterung radikaler Medienpraktiken und die Beschäftigung mit der schwierigen Frage der Organisation. Aus der Retrofantasie vom freundlichen Wohlfahrtsstaat mit seinen opulenten Zuwendungen für Medien, Bildung, Kunst und Kultur sollten wir inzwischen wieder voll erwacht sein. Netzwerke werden niemals belohnt und in gut bestallte Strukturen eingebettet werden. So wie die klassische Avantgarde glaubte, die Gesellschaft vom Rand her zu zerstören, so haben sich auch die taktischen Medien mit ihrer Vorstellung von gezielten Mikrointerventionen getröstet. Das Fort-Da-Spiel, das die Kommunikationsguerilla mit den alten Medien spielt, hängt massiv mit dem Auf-und-Ab sozialer Bewegungen zusammen. Taktische Medien sind zu allzu oft Reproduktionen der seltsamen raumzeitlichen Dynamik und strukturellen Logik des modernen Staats und des Industriekapitals: Differenz und Erneuerung von der Peripherie aus. Aber es ist hier ein Paradox am Werk. So viel Unruhe ihre Aktionen oft stiften können, so sehr bestätigen die taktischen Medien auch den Zeitmodus des postfordistischen Kapitals: Kurzfristigkeit. Im Grunde genommen brechen sie nicht mit den Strategien des Verschwindens.

Es ist rückwärts gewandt, wenn taktische Medien im Zeitalter des Postfordismus immer noch mit dem Ephemeren und der Logik der „Taktik“ operieren. Da das Modell des punktuellen Angriffs der herrschende Zustand ist, geraten taktische Medien in eine fatale Affinität zu dem, was sie bekämpfen möchten. Eben darum werden sie mit einer Art wohlmeinender Toleranz betrachtet. Es herrscht ein neurotischer Hang zu verschwinden. Was feste Gestalt annimmt, verliert sich im System. Das Ideal ist, nicht viel mehr zu sein als eine vorübergehende Panne, ein kurzes Rauschen oder eine kurze Störung. Taktische Medien lassen sich ähnlich ausbeuten wie „Modder“ in der Spieleindustrie: Beide geben gratis ihr Wissen über die Schlupflöcher im System preis. Sie intervenieren, verweisen auf das Problem und suchen das Weite. Das Kapital freut sich und dankt dem taktischen Medium und dem Nerd-Modder für die Heimarbeit. Das Paradigma des Neoliberalismus erstreckt sich über den gesamten Apparat des sozialen Lebens. Und diese Situation ist auch den Operationen radikaler Medienkulturen inhärent, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Die Alarmglocken werden erst schrillen, wenn die taktischen Medien ihre Operationen verschärfen. Und wenn das passiert, erscheint das organisierte Netzwerk als modus operandi. Dann erst werden radikale Medienprojekte dem amüsierten Paternalismus des Staats-als-Unternehmen entgehen.
[…]

(Auszug aus Geert Lovink, Zero Comments, S. 229 – 231)