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Sterben für Codes
Zur Geburt der Free-Software-Bewegung im Jahr 1887

'Leo Findeisen Leo Findeisen

„Die Funktion der Kunst könnte es sein, zu zeigen, dass im Bereich des Möglichen Ordnung möglich ist.“(1)

Altcodes und Neucodes
Die folgenden Gedanken sind Buchstabe für Buchstabe, Silbe für Silbe in einem Code abgefasst, gedruckt und damit materiell gespeichert, der hier der Einfachheit halber als „Altcode“ kategorisiert wird, dem Deutschen. Altcodes sind seit etwa 7000 Jahren nachgewiesen (2) und werden auch „natürliche Sprachen“ oder „Humansprachen“ genannt. Darunter fallen alle Sprachen, mit denen soziale Supereinheiten wie Religionen, Ideologien oder Nationen in polyhistorischer Zeit ihre Kohärenz bewahrt haben und bewahren. Jeden Tag manifestieren sie sich auf Plakaten, in Schulbüchern und auf Webseiten, resonieren in Kehlköpfen und im Raum zwischen Menschengesichtern, dem Interface der Altcodes. (3) In einer medienhistorischen Perspektive, die sich für sprachverwandte Codes interessiert, befinden wir uns im Jahr 2003 allerdings schon längst in einem neuen Entwicklungsschub der Zeichensysteme. Dessen Dynamik ist für eine Mehrheit der Zeitgenossen kaum nachzuvollziehen, da sie von den Gesetzen einer Kultur- bzw. Naturentwicklung, wie wir sie zu kennen glaubten, kaum tangiert wird.

Gemeint sind die Programmiersprachen, die hier „Neucodes“ genannt werden. Neucodes sind wie alle Sprachcodes geschlossene Systeme von Zeichen. Die in solchen Sprachen abgefassten Texte, die Programme, sind performative Zeichenketten, die einen Verbund aus mathematischer Theorie und elektromagnetischer Praxis steuern können, die technische Literatur der Informationsgesellschaft sozusagen. Und die Neucodes sind für die Verständigung von technischen Interfaces verantwortlich. Damit wird heute bemerkenswerterweise nicht nur das bezeichnet, was gegenüber unserem Gesicht erscheint, also am Bildschirm, sondern ebenso die Maus oder der Joystick, kastenförmige Hardwaregeräte oder gesonderte Ebenen in einem Neucode als solchem. (4) Und es ist ein offenes Geheimnis: Im technischen Untergrund der Rechner, unserm Gesicht abgewandt, spricht man nicht Zulu, sondern Java und JavaScript, nicht Kantonesisch, sondern Tcl, nicht amerikanisches oder englisches Englisch, sondern LISP und Auto- LISP, nicht Hindi, sondern Pearl und C++, nicht Portugiesisch, sondern Python.
Neucodes – Qualitäten erzeugen Communities
Was die Lebensdauer der Neucodes betrifft, befinden sich ihre spezifischen Funktionsanforderungen, quasi die „Umwelt“ eines Neucodes, ständig im Fluss. Solche Veränderungen in Codeumwelten werden übrigens nicht nur von den bekannten technischen Faktoren ausgelöst wie etwa schnelleren Prozessoren, größeren Übertragungsraten oder Updates von Betriebssystemen. Es kann auch passieren, und dies gilt es in unserem Zusammenhang besonders festzuhalten, dass ein Code-Poet unerwartet einen noch aktuelleren Neucode publiziert, den noch ausgereifteren Prototypen einer kybernetischen Sprache. Dessen logische Ästhetik kann z. B. das Programmieren inspirierender gestalten als bisher gewohnt, er kann mit weniger Codezeilen dieselben Befehle ausführen, die notwendigen Allianzen zu verbreiteten Softwareanwendungen geschickter knüpfen, usf. So eine Entwicklung spart kostbare Zeit, bereitet mehr Lust und wird eher von den gewandten und sympathischen Kollegen benutzt. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sich blitzartig eine der transnationalen Communities aus hoch spezialisierten Fachleuten bildet, den sogenannten Geeks. Erst als vom Code generiertes, den Code generierendes Kollektiv ist ihnen dann der logisch folgende Schritt möglich, nämlich via Internet die Potenziale und Anwendungen eines Codes in kurzer Zeit zu vervielfachen und dabei weder Chancen noch Gefahren in seiner „Umwelt“ zu übersehen. Ihre Chats, in denen man sich in Altcodes und Neucodes eine Gute Nacht wünscht, scheinen selber nie zu schlafen – über einigen Entwicklern geht eben immer die Sonne auf. Allen Einzelnen ist dabei bewusst, und das ist historisch offensichtlich ein Novum, dass ihre globale, selbst bestimmte und horizontal organisierte Task Force des Codes sich kennt, trifft und zusammenarbeitet, weil am Anfang einmal der Code bzw. die Hoffnung auf seine erfolgreiche Entwicklung und weltweite Verbreitung stand. Ein aktuelles Beispiel eines solchen Neucodes ist die Sprache Python des holländischen Computermathematikers Guido van Rossum, die seit etwa zehn Jahren öffentlich entwickelt wird. Sein Sprachsystem ist unter www.python.org, zu finden, selbst schon die Website einer sprachorientierten Community aus Entwicklern. Diese ist nicht zufällig digitial zu Gast beim holländischen Netzkultur-Server xs4all („Access for all“). Auf dem Neucode Python, der u. a. vom Google-Team empfohlen wird, konnten wiederum andere Communities wie etwa www.zope.org oder www.zope.org aufbauen. Im Verlauf weniger Jahre schrieben sie in Python hochkomplexe, technisch überlegene Anwendungen zusammen. Und die Regel, die es erlaubte, gegenseitig aufeinander aufzubauen, lautet: Was in Python geschrieben wird, ist grundsätzlich freie, anschlussfähige Computerliteratur, die Sprache ist kostenlos, ihr Quelltext, die „digitale DNS“, ist kein Geheimnis, ihr Autor verzichtet, vereinfacht gesagt, auf sein Urheberrecht.
Zwei Missing Links am Ende des 19. Jahrhunderts
Ins Zentrum soll nun die These rücken, dass mittlerweile, d. h. im historischen Rückblick, zwei Missing Links zwischen Altcodes und Neucodes am mediengeschichtlichen Horizont Profil annehmen. Beide sind in ihrer Kommunikationsstruktur erstmalige und bisher unwiederholte Ereigniskomplexe von hoher Prägnanz. Die Rede ist von der Erfindung, der soziokulturellen Implementierung und der globalen Weiterentwicklung von sog. modernen Umgangssprachen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts erst von Westeuropa und in Folge von Osteuropa ausgingen. Dass beide Komplexe fast durchwegs von den maßgeblichen Sprach-, Zeichen- und Medientheorien des letzten Jahr hunderts ignoriert wurden, ist seinerseits ein interessanter Ansatzpunkt für zukünftige Fragestellungen. (5)
Volapük – Die erste globale Manifestation einer vom Neucode erzeugten Community
Der erste Entwickler, der eine weltweite Verbreitung seines Neucodes erleben konnte, war ein Deutscher, der römisch-katholische Prälat Johann Martin Schleyer aus der badischen Stadt Konstanz. Nicht lange nachdem er ein „Weltalphabet“, also lediglich eine neu kompilierte Menge v. a. an Schriftbuchstaben, erarbeitet hatte, erschien Herrn Schleyer eines Nachts der Gott seiner Religion im Traume und erteilte ihm höchstpersönlich den Auftrag, das gute Werk in eine vollständige Weltsprache weiter zu entwickeln. Der Pater, dem man nachsagte, er beherrsche 50 verschiedene Sprachen, gehorchte aufs Wort und legte alsbald sein Volapük vor. (6) Schon der Name verriet, dass er sich dafür entschieden hatte, die Erfindung am Klang des Englischen anzulehnen: Die User sollten in
vol noch das englische world nachklingen hören, in pük das Wort speak, zusammen also Worldspeak – Weltsprache – Volapük. Im Jahr 1879, acht Jahre nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges, veröffentlichte er die entsprechende Betriebsanleitung, dem Anschein nach ein gewöhnliches Sprachlehrbuch, das allerdings verblüffende Kettenreaktionen auslösen sollte: Nur zehn Jahre später war eine Community von insgesamt 283 Volapük-Clubs in Europa, Amerika und Australien entstanden. Sie waren durch Periodika miteinander verbunden, hielten Interface-Kurse ab und verliehen Diplome. In der Geografie der Sprachverbreitung koppelte sich sofort die opportune Anlehnung an den weltweit etablierten Standard des Englischen zurück – in Asien verstand man die Einladung nicht so recht. Trotzdem dürfte die Gesamtzahl derer, die diesen ersten globalen Linguistic Turn im lokalen Selbstversuch mitvollzogen, nicht weniger als 100.000 Volapükisten betragen haben (7) – eine augenscheinlich gelungene Implementierung. Die Weiterentwicklung allerdings, die kollektive Qualitätskontrolle, scheiterte an dem von höchster Stelle berufenen Ingenieur persönlich. Weitere Mängel in der Architektur von Schleyers Prototyp wurden seinem Codeerfolg deshalb vollends zum Verhängnis. Ein gewisser Karl Lenze etwa, der erste diplomierte Lehrer des Volapük überhaupt und begabt in mathematischer Theorie, erstellte einen protokollarischen Fehlerbericht und errechnete „nicht weniger als 505 440 uneindeutige Ableitungen von Verben, die ausschließlich auf den Autor zurückzuführen seien“. (8) In Folge entstanden – für den Autor unkontrollierbar, weil gleichzeitig auf mehreren Kontinenten angefertigt – „allerlei Vereinfachungen, Umstrukturierungen, Neuordnungen und häretische Ableger“ (9) und zerstörten die unverzichtbare Codekonsistenz. Der als äußerst eitel und patriarchal bekannte Schleyer selbst reiste verbissen allen Derivatentwicklungen mit einem verbalen Autorenstempel hinterher. Bald sollten alle selbst ernannten Co-Autoren ihre frechen Verbesserungsprojekte unterlassen, allerdings mit der Konsequenz, dass immer mehr auch ihrer Sprachspiele auf Volapük überdrüssig wurden. Nach jahrelangem Enthusiasmus schien ihnen schien plötzlich unklar geworden zu sein, für die Verbesserung von genau wessen Welt man sich da eingesetzt hatte … Und voilá: die erste, ausschließlich durch einen Neucode erzeugte globale Community der Neuzeit, bzw. genau besehen der Kultur- und Codegeschichte überhaupt, löste sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts – Fin de Siècle – in frustriertes Schweigen auf. „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ (J.W. von Goethe), in nur drei Jahrzehnten. Wer sich in der Community an den Luxus eines potenziell die ganze Welt umspannenden Freundeskreises gewöhnt hatte, sondierte nun das Angebot der Konkurrenz und stieg auf ein anderes System um: auf die Langue Universelle von Menet (1886), das Bopal von Max (1887), das Spelin von Bauer (1886), das Dil von Flieweger (1893), das Balta von Dormoy (1893) oder das Weltparl von Arnim (1896). (10) Diese schwächten damals Jahr um Jahr nicht nur die weitere Verbreitung des Volapük, sondern auch ihre jeweils eigene. Denn systemisch gesehen gilt für moderne Umgangssprachen bei aller Höflichkeit: Auf Dauer kann es nur eine geben – wie heute das Englische, einem großartigen Altcode, dem als solchem nicht vorgeworfen werden kann, dass er auf immer mehr Gaumen einen bitteren Beigeschmack zu entwickeln beginnt.
Esperanto – Ein Code für alle und keinen
In diesen Jahren hatte jedoch noch ein weiterer Autor seinen Neucode am Start: Ludwig L. Zamenhof aus Bialystok, heute im Osten Polens, damals in Litauen, vom russischen Zarenreich verwaltet. Der Hochbegabte hatte schon früh seine Liebe für das Russische oder die klassischen Sprachen entdeckt. Doch angesichts der massiv durch Altcodes miterzeugten Feindseligkeiten zwischen Polen, Juden, Russen, Weißrussen und Deutschen entwickelte er schon als Teenager eine „lingwe universala“, eine „Universalsprache“. Zunächst nur für sich, denn „(...) nur Spott und Hohn voraussehend“ beschloss er, seine „Arbeit vor jedermann zu verbergen“. (11) Zamenhof feilte weitere 15 Jahre wie ein Schweizer Uhrmacher an seiner Erfindung, sorgte sich um den sprachlichen Wohlklang, unterzog einige Stärken des Vorgängercodes Volapük einem Tuning (12) und testete dann die Ausdruckskraft, indem er verschiedene Autoren der Weltliteratur in seinen Neucode transformierte. Am Schicksal des Volapük hatte er ablesen können, dass ein noch so konsistentes Grundgerüst, der Prototyp, tatsächlich erst in der Sprachpraxis von vielen Sprecherinnen und Sprechern in verschiedenen Ländern beurteilt, verbessert und „am Leben“, d. h. im Interface-Raum der Altcodes, gehalten werden würde. Es galt demnach, eine kollektive und moderierte Arbeit an der Vollständigkeit und Leistungsfähigkeit des Codes vorzubereiten, in dem viele Einzelne sich durch Selbstbindung, d. h. ohne zentrales Kontrollorgan namens „Schöpfer“ oder „Autor“, an den kantischen Imperativ der Coder halten würden: Verändere Elemente eines Neucodes nur so, dass die Maxime deiner Veränderungen einer weltweit kommunikablen Codestruktur zuträglich bleibt. Mit anderen Worten: Sprachsysteme sind Produkt und damit Eigentum einer Allgemeinheit, verändere tendenziell eher gar nicht, eher wenig, eher nur auf Rückfrage – und lanciere vor allem kein Derivat! Im Jahr 1887 ging Zamenhof dann an die Öffentlichkeit. Sein Vater, der in der russischen Zensurbehörde arbeitete, spielte das Sprachlehrbuch bei seinem Kollegen als „harmloses Kuriosum“ (13) herunter und die Druckerlaubnis wurde erteilt. Außerdem ließ er zu Beginn einen dreizeiligen Text anbringen, den man nicht nur als literaturwissenschaftliches Dokument zum viel diskutierten Thema „Tod des Autors“, sondern auch als das Gründungsdatum einer „Free Software“-Strategie lesen kann: „Die internationale Sprache soll, gleich jeder nationalen, ein allgemeines Eigenthum sein, weshalb der Verfasser für immer auf seine persönlichen Rechte daran verzichtet“. (14) Zamenhofs Code wurde also nicht nur publiziert, sondern aktiv zur Weiterbearbeitung freigestellt. Am Anfang umfasste dieser lediglich eine Minimalgrammatik, 927 Wortstämme und einige Beispieltexte, damit sich die Sprache innerhalb der Community würde entwickeln können. Aus den Sprachlehrbüchern konnten die Leserinnen und Leser zudem kleine Coupons ausschneiden, weiterverteilen, unterschreiben und an den Autor persönlich zurückschicken. Sie bekundeten damit schriftlich ihr Interesse an der Erfindung und „versprachen“, diese zu lernen, falls und wenn 10.000.000 andere dasselbe täten bzw. getan hätten. Die Community sollte demnach zuerst als imaginäre Adressenversammlung in der Phantasie der Einzelnen präfiguriert, (15) dann real dokumentiert und schließlich global realisiert werden – eine sog. autopoetische Entwicklungsfigur, die bei der Kommunikation einer hohen Zahl von verschiedenen und interdependenten Potenzialitäten auftritt. Die Rücksendecoupons könnte man auch als erstes Newsletter-Angebot vor dem Internet bezeichnen, allerdings noch ohne die Möglichkeit zum unsubscribe. (16) Diese Strategie scheiterte einerseits zwar gründlich, da in den folgenden zwei Jahren nur ca. 1000 Coupons bei Zamenhof eintrafen, andrerseits tat das der Codeverbreitung auf Dauer keinen Abbruch. Zuerst in Russland, dann zunehmend in Frankreich und im Westen Europas fanden sich immer Code-„Anhänger“, die vom Lesen ins Sprechen übergingen und somit die ersten Interface-Tests vornehmen konnten. Zamenhof erreichten bald zahlreiche Ideen, Eingaben und Code-Kritiken. Mit der Ablehnung der Autorenrolle blieb es ihm ernst: Er drängte sofort auf die Einrichtung einer Kommission, musste allerdings nicht weniger als 18 Jahre darauf warten, dass ihm die Bürde der Gesamtverantwortung abgenommen würde. (17) In Boulognesur-Mer, direkt am Ärmelkanal in der Nähe von Calais, wurde im August
1905 der erste Esperanto-Kongress veranstaltet und 688 Besucherinnen und Besucher aus 20 verschiedenen Ländern kommunizierten eine ganze Woche lang miteinander und verstanden sich blendend, mit dem Neucode als einziger gemeinsamer Sprache. Der französische Mathematiker Louis Coutourat berichtet: „ (...) nicht nur, dass sich alle verstanden, (...) auch die Unterschiede in der Aussprache waren völlig unbedeutend und störten überhaupt nicht. Meistens konnte man nicht einmal die Nationalität des Gesprächspartners erraten.“ (18) Dieser komplexe und erfolgreiche Anwendungstest eines von der Community mitentwickelten Prototyps für das Interface der Altcodes war etwas, das Schleyer nie erlebt hatte und kein Code-Poet nach Zamenhof so erleben sollte. Am selben Kongress einigte sich die Community auch auf das „Fundamento“ ihres Codes, um Derivatbildungen zu verhindern: 16 Regeln, 2644 Wortstämme und einen Textkorpus als sprachlichem Modell. Nur zwei Jahre später wurde tatsächlich ein gefährliches Derivat, das sog. Ido, lanciert. Dessen Community ging in Folge allerdings wieder an eigenen Derivatbildungen und Dauerstreitigkeiten zugrunde – wie vorher schon das Volapük. Der Neucode namens Esperanto aber nimmt bis heute eine Sonderstellung unter den Plansprachprojekten ein. Als einziger ist er durch seine Community zu einer vollentwickelten Kultursprache abgerundet worden und kann in allen Lebensbereichen und in allen Ländern der Welt Anwendung finden. Die Wörterbücher führen mittlerweile über 20.000 standardisierte Wortstämme und die nächsten Weltkongresse finden in Peking (2004) und Vilnius (2005) statt.
Sterben für Codes – Was ist die Botschaft eines solchen Mediums?
Die Theoriebildung der modernen Linguistik hat andere Kategorien für Sprachcodes eingeführt und so wäre Esperanto z. B. nach Noam Chomskys Generativer Transformationsgrammatik als „mögliche natürliche Sprache“ einzustufen, da es nach denselben Grundregeln generiert wird wie ein Altcode, nur strikter. Es handelt sich also doch nicht um einen Neucode und erst recht keine Programmiersprache. Trotzdem verdient Zamenhof seit 1905 die Goldene Nica in der Kategorie „Erfolgreichster Hack von Altcodes seit dem historischen Pfingsten“. Mit seiner Erfindung konnte er demnach nicht umhin, und dessen war er sich wohl bewusst, in einem Hochspannungbereich kultureller „Produktion“ zu intervenieren, im machtlogischen Kernbereich der religiösen, ersatzreligiösen und nachreligiösen Phantasmen der Moderne. Die Geschichte sollte Zamenhofs Vater, der das erste Sprachlehrbuch als „harmloses Kuriosum“ betitelte, dann auch in grausamer Form widerlegen, denn der Neucode seines Sohnes resultierte nicht nur in glücklichen, reisenden, lesenden und heiratenden Userinnen und Usern, diese wurden auch zu Tausenden eingesperrt, misshandelt und getötet, v. a. unter den Diktaturen von Adolf Hitler und Joseph Stalin. Die neue, neutralisierte Sprachkompetenz bedeutete eine ausreichend direkte Gefährdung von Machtbereichen, dem Nationalsozialismus und dem Sowjetkommunismus, die, man ahnt es, die jeweiligen Altcodes Deutsch und Russisch zu Komplizen ihres Sendungsbewusstseins gemacht hatten. (19) Vor den Augen unserer zeitgenössischen konstruktiven Autoren und Literaten der Neucodes und technischen Interfaces, von vielen noch missverständlich Hacker genannt, manifestiert sich derzeit eine zweite Front: Der Konflikt um die Codes von morgen und die richtige Kultur für deren Entwicklung. Einen wichtigen Beitrag hat Vilém Flusser, in vielem ein unsichtbarer Weggenosse Zamenhofs, mit seiner Maxime „Vom Subjekt zum Projekt“ (20) hinterlassen. Doch in den sich ausdifferenzierenden technischen Welten und Umwelten der Neucodes ist der Kontakt zu denen, für die man subjektiv seine Projekte begann, um Potenzen vermittelter. Darum gilt es, diesen zweiten Kulturkampf um Codes in den nächsten Jahren besser verständlich zu machen, der Mainstream wird es danken. Wer die Nerven dazu aufbringt, kann sich en detail die vielfache Teilung und Verschiebung der Problemstellungen in der technischen Umwelt einer solchen Community unter http://www.gnu.org/people/people.html ansehen. Dort erläutert auch ein Autor des Prototypen eines freien Betriebssystems, Richard Stallman, seine Motivation (http://www.gnu.org/gnu/thegnuproject.html). Das Feedback der Techniken provoziert die menschliche Intelligenz, sich für die Aufgaben des Ingenieurs an Bord des Raumschiffs Erde zu qualifizieren.“ (21) Wie man sich allerdings auf der anderen Seite einen Reim darauf machen soll, dass Menschen für eine eigentlich „fremde“, weil „neutrale“ Sprache“ freiwillig den Tod riskieren, stellt sich als ein Rätsel in unserer Zweiten Moderne (H. Klotz, U. Beck) neu auf. Sterben für Codes – einer Medientheorie, die ihren Namen verdient, ist damit ein unerwartetes Thema aufgegeben. Ein erster Horizont konnte hier vielleicht angedeutet werden: Zum ersten Mal war ein Medium tatsächlich deckungsgleich mit seiner Botschaft.

(1)
N. Luhmann, Weltkunst, 38; in: Unbeobachtbare Welt, Über Kunst und Architektur, hrsg. von N. Luhmann, F.D. Bunsen und D. Baecker, Bielfeld 1990zurück

(2)
D. Crystal, Cambridge Encyclopedia of Language, 17ff. zurück

(3)
See P. Sloterdijk, “Zwischen Gesichtern, Zum Auftauchen der interfazialen Intimssphäre.” in: Sphären I – Blasen; Frankfurt am Main 1998, 141f .; french: +Sphères I – Bulles+, Paris 2002, 152ff.; spanish: +Esferas I – Burbujas+, Madrid 2003, 85ff. zurück

(4)
E.g. the so-called APIs, Application Programming Interfaces, that are providing programmers with a writable surface into a programback

(5)
A late exception being U. Eco, Die Suche nach der vollkomenen Sprache, München 1997, v. a. 322ff.; english: The search for the perfect language zurück

(6)
R. Centassi / H. Masson, L’homme qui a défié Babel, Paris 1995, 68zurück

(7)
Centassi / Masson 68; Eco 324zurück

(8)
Centassi / Masson 103, in der Übersetzung des Autorszurück

(9)
a.a.O.zurück

(10)
Eco 324zurück

(11)
U. Lins, Die Gefährliche Sprache, Gerlingen 1988, 16zurück

(12)
Lins 20zurück

(13)
Lins 18fzurück

(14)
a.a.O.zurück

(15)
See one of the standard works for a media theory of Nationalism: B. Anderson, Imagined Communities: Reflections on the origin and spread of nationalism, Verso 1991zurück

(16)
Lins 29ff.; Chrystal 354, Centassi 174ff.zurück

(17)
a.a.O.back

(18)
H. Mayer, Das Kind des Esperanto: Briefe Louis Coutourats an Hugo Schuchardt (1901–1914), Wien 2001zurück

(19)
Lins v.a. 90ff. und 215ff.zurück

(20)
See V. Flusser, Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung, hrsg. von St. Bollmann und E. Flusser, Bensheim und Düsseldorf 1994; see in english: Writings, University of Minnesota Press 2002; The Freedom of the Migrant: Objections to Nationalism; University of Illinois Press 2003zurück

(21)
See P. Sloterdijk, Sphären III – Schäume, Kapitel 1 A, Absolute Inseln, Frankfurt am Main 2003; french: Sphéres I – Ecumes, Paris 2004 zurück

For further information visit www.paramediamind.org
English translation by Leo Findeisen and Stephen Zepke. / Esperanto translation by Gunnar Fischer.
The author wants to express his gratitude to the staff at the Department of Planned Languages and International Esperanto
Museum, Austrian National Library, Vienna, for their support. All imagery courtesy of the same.