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INFOWAR: Notiz zu Strategic Information Warfare



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ARS ELECTRONICA FESTIVAL 98
INFOWAR. information.macht.krieg
Linz, Austria, september 07 - 12
http://www.aec.at/infowar
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Notiz zu Roger C. Molander, Andrew S. Riddile, Peter A. Wilson (eds.),
Strategic Information Warfare. A new face of war. National Defense
Research Institute. RAND, Santa Monica 1996.

Das massgebliche Szenario, in dem eine Unterabteilung der Rand
Corporation, Santa Monica, die Chancen und Risiken eines
Informationskriegs fuer die USA ausgemalt hat, ist dringend auf seine
Implikationen und Hintergrundannahmen hin zu ueberpruefen.
Die eine, eher medientheoretische Fragestellung betraefe die seltsame
Uebereinstimmung dieses Szenarios mit den Drehbuechern, die heutzutage
im sehr benachbarten Hollywood neuen Spielfilmen unterliegen. Wer
schreibt hier wen ab? Die Pentagon-Forschung den Unterhaltungsbetrieb
oder umgekehrt?
Die andere, eher militaerhistorische Frage betrifft die politischen 
Empfehlungen, die hochrangige Vertreter der US-Administration, als 
sie das Szenario durchspielen durften/mussten, aus ihm ableiteten. 
Das Szenario geht bekanntlich zunaechst davon aus, dass das saudische 
Koenigsreich von zwei Seiten her, einer inneren demokratischen 
Opposition und einem aeusseren fundamentalistischen Feind namens 
Iran, mehr und mehr destabilisiert wird. Die Entschlossenheit der 
USA, ihren wichtigsten Oellieferanten militaerisch zu stuetzen, 
geraet aber ins Wanken, je mehr es (vermutlich iran-bestochenen) 
Hackern gelingt, dem amerikanischen Computernetz Wunden zu schlagen - 
und zwar nicht nur an der arabischen Front, deren computerbasierte 
Logistik durcheinanderkommt, sondern auch im zivilen Binnenbereich 
der USA selber. Am spektakulaersten (und realistischsten) erscheint 
die Phantasie, ein Softwaregenie aus Indien (woher auch sonst?) habe 
das einst von ihm selbst programmierte Airbus-Computersystem so 
erfolgreich gehackt, dass die Airbusse gar nicht mehr umhin koennen, 
beim Anflug auf Chicagos O'Hare wie Steine vom Himmel zu fallen. 300 
tote US-Buerger auf dem Heimflug lassen sich aber der 
Medienoeffentlichkeit so wenig vermitteln, dass besagte 
Administratoren mehrheitlich empfahlen, den militaerischen Beistand 
fuer Saudi-Arabien einzustellen.
An diesem Phantasma scheint zu einen signifikant, dass die 
Unfallflieger Airbusse sind, also genau diejenigen Zivilmaschinen, 
die es Militaerflugzeugen als erste abgelernt haben, ohne 
Bordcomputer nicht mehr flugstabil zu sein. Der Krieg, hiesse das, 
wuerde unmoeglich, soweit und sofern seine Technologien den 
Zivilbereich (auch und gerade europaeischer Produktion) durchdrungen 
haben.
Zum anderen belegt der Absturz ueber O'Hare, einmal mehr, die 
tragende These der Rand-Corporation, dass die USA im kuenftigen 
Informationskrieg leider kein "Sanktuarium" mehr sein werden, die 
Monroe-Doktrin von 1900 ("Amerika den Amerikanern!") im Jahr 2002 
also nicht mehr greift. Andere Laender der Welt, die, wie etwa in 
Europa, zu allem Glueck und Leid schon seit Ewigkeiten keine 
Sanktuarien sind - und am wenigsten fuereinander -, duerfen 
vielleicht die Frage aufwerfen, welche ueberirdische Macht einem Land 
dieses religioese Attribut ueberhaupt zugesprochen haben soll.
Um aber von der Theologie zur Militaerpolitik zurueckzukommen:
Erstens scheint klar, dass diese Verletzung des Sanktuariums, des 
heiligen Bodens, den Unterschied macht, der die Rand-Corporation (um 
es mit Bateson zu formulieren) einen Unterschied zwischen Electronic 
Warfare und Information Warfare ueberhaupt machen laesst. Electronic 
Warfare folgte als Konzept aus dem Diktum von Admiral Moore, Joint 
Chief of Staffs, dass der Sieger in jedem Zukunftskrieg derjenige 
sein wuerde, der sich die Vorherrschaft ueber das gesamte 
elektromagnetische Spektrum (von den ultralangen 
U-Boot-Kommunikations-Wellen bis in den interstellaren 
Gigahertzbereich) gesichert haette. Solche Vorherrschaft ist aber im 
selben Mass teuer, wie sie staendig an Grenzen der physikalischen 
Wissbarkeit und Machbarkeit operiert. Mit anderen Worten: nur sehr 
reiche Laender koennen sich Electronic Warfare leisten. Die 
Umstellung von Electronic Warfare auf Information Warfare entspricht 
dagegen, wissenschaftshistorisch gesagt, der Umstellung von Physik 
auf Computer science (um das deutsche Wort Informatik nicht ueber 
Gebuehr zu ehren), von einer Komplexitaet der Natur zu einer 
Komplexitaet artifizieller Systeme. Das ist einerseits wesentlich 
billiger, andererseits aber eben darum nicht mehr - wie Phasenradar 
und Gigahertztechnologie - ein Vorrecht der hochgeruestetsten und 
reichsten Staaten.
Drittens und endlich geht es aber bei alledem um schlichte Feigheit. 
Die einzige Macht, die gegenwaertig hochtechnische Kriege zu fuehren 
imstande waere, beschliesst genau das zu unterlassen - nicht etwa 
weil ein Praesident von der Heiligkeit seines Bodens zum Pazifisten 
bekehrt worden waere, sondern weil tote Amerikaner, ob Soldaten oder 
nicht, schon den inneramerikanischen casus belli darstellen. Wie 
Jacques Derrida einst bei laufendem Golfkrieg bemerkte, haben Muslims 
ein anderes, haerteres Verhaeltnis zum Tod. Sollte umgekehrt jene 
Ewigkeit, die Software- und Hardwareindustrie einigermassen 
truegerisch ihren Maschinen und die Philosophen der AI in schoener 
Konsequenz auch der menschlichen koerperbereinigten Intelligenz 
zusprechen, unser "westliches" (euro-amerikanisches) Verhaeltnis zum 
Tod gruendlich unterhoehlt haben? Der Dichter Villiers de 
l'Isle-Adam, letzter Traeger eines der aeltesten Adelsnamens 
Frankreichs, sagte einmal "Das Leben ueberlassen wir den 
Dienstboten". Heute scheinen wir das Sterben den Irakern zu 
ueberlassen.
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